Zivilgesellschaft
Montag, 17. Dezember 2007 | Autor: peno
Nicht nur in den USA und in islamisch geprägten Ländern, sondern seit einiger Zeit auch im säkularisierten Europa wird ein zunehmendes Bedürfnis nach Religiösität behauptet.
Die neue Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung1 will ermittelt haben, dass ca. 70% der Deutschen religiös sind. Unter „Religiösität“ verbirgt sich dabei allerdings eine Vielzahl unterschiedlicher, mythischer, mystischer, moralischer und rational nicht fassbarer Vorstellungen:
„41 Prozent der Jüngeren glauben an eine Fortführung der menschlichen Existenz nach dem Tod. Und ein Viertel der Befragten in dieser Altersgruppe meint, dass man sich aus verschiedenen religiösen Lehren seinen eigenen Glauben zusammensetzen sollte.“2
Kirchliche Religionsgemeinschaften können mit ihren Glaubenslehren und ihrem Kirchenkult diese sehr abstrakten Vorstellungen nicht abdecken. Besonders die christlichen Kirchen verlieren Jahr für Jahr viele Tausend Mitglieder.
Der kirchliche Lobbyismus scheint sich verstärkt zu haben und immer erfolgreicher die säkularen Belange der Gesellschaften beeinflussen zu wollen. Hinter diesem Trend können sich auch – so vermutet der Philosoph H. Schnädelbach – konkrete Marktinteressen verbergen. Das gilt nicht nur für obskure Sekten, wie z.B. die zu Recht umstrittene Scientology.
„Ich halte die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus religiös ist, für eine These, hinter der das Interesse der Verteidiger der Religion steht. Die möchten so etwas wie ein religiöses Bedürfnis vorfinden, damit sie einen Markt für ihre Angebote haben.“3
Heutige Kirchenfürsten versuchen auch in Deutschland wieder Schritt für Schritt die säkulare Gesellschaft mit religiösen Gedanken zu durchdringen und religionskonforme Regeln durchzusetzen, stoßen dabei z.Zt. aber noch auf deutlichen Widerspruch:
„Es geht nicht darum, den Glauben zu unterdrücken. Aber wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass Kirchenvertreter die Moral gepachtet haben. Ethik ist keine Domäne der Religion, sie ist unser aller Domäne. Aufgeklärte, atheistische Menschen können genauso moralisch sein wie religiöse … Humanisten gehen in ethischen Fragen nicht von einem höheren Wesen aus, sondern vom konkreten, selbstbestimmten Menschen.“4
Der „selbstbestimmte Mensch“ hat sich nach 1945 erneut mit nationalen und supranationalen Menschenrechtserklärungen für ein ziviles Denken und Handeln Maximen gesetzt. Der Wertekanon dieser Erklärungen steht in einer langen, mühsam erkämpften historischen Tradition und hat zumeist Verfassungsrang erhalten. Eine moderne Gesellschaft kann ohne den religiösen Dekalog und ohne religionsinterne Streitigkeiten gut auskommen, nicht aber ohne Beachtung der zivilen Menschenrechtserklärungen.
Das Vordringen der Amtskirchen in die säkularen Bereiche eines Staates ist schwerlich mit religiösen Freiheitsrechten legitimierbar, sondern wohl eher mit unseligen, nicht unbedingt erhaltenswerten „Thron-Altar-Traditionen“ zu erklären. Z. Zt. versuchen die Bischöfe vor dem Bundesverfassungsgericht mit ihrer Klage („Recht auf seelische Erhebung“) neue Ladenöffnungszeiten zu verhindern. Es wird nicht mehr lange dauern, bis auch die Kirchen – wie die politischen Parteien – vom Staat einen Einnahmeausgleich für entschwundene Mitglieder einfordern – mit fragwürdiger Legitimation.
Religionsfreiheit schützt die Religionen in ihren internen Kernbereichen, berechtigt die Kirchenvertreter aber kaum, religiös geprägte Vorstellungen in der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Organisation einer zivilen Gesellschaft durchzusetzen. Eine moderne Zivilgesellschaft lebt von der Beachtung und konsequenten Durchsetzung des Grundrechtskatalogs, nicht von den religionsethischen Erklärungen kirchlicher Amtsträger.
„Wer behauptet, wenn die Menschen nicht an Gott glauben, dann ist die Moral bodenlos, der ist historisch und philosophisch ungebildet. Wir wissen seit Aristoteles, dass die praktische Philosophie, die sich über Fragen der Gerechtigkeit und des guten, gelingenden Lebens Gedanken macht, auf eigenen Füßen steht.“5
- „Religionsmonitor 2008“ [↩]
- Der Tagesspiegel vom 17.12.07 [↩]
- Herbert Schnädelbach, in: Der Tagesspiegel vom 16.12.07 [↩]
- Bas Kast, in: Der Tagesspiegel vom 13.11.07 [↩]
- Herbert Schnädelbach, a.a.O. [↩]


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.




Montag, 24. März 2008
Herr Schädelbach übersieht, dass selbst ein Aristoteles und noch dessen Ziehvater Plato nichts über die Heilslehre der Götter stellten! Nichts!
DAs das mit Demut zu tun hat, einer Eigenschaft, die uns zivilisierten Wesen häufig abgeht, sei dahingestellt. Doch gerade daran, was ich nicht bedenkenlos finde, hangelt sich Kirche gern entlang - und wie gesagt, gefragt: zu Unrecht?
Die Götterlehre war zwar sehr phantasievoll und die Darstellung und Erweiterungen, die die Götter der Griechen im Laufe der Zeit erfuhren, trugen zur Vermenschlichung und Rationalisierung der Lebensumstände und des Weltverständnisses bei - doch Aristoteles ohne Götter ist undenkbar.
(vgl. Jochen Bleicken - die athenische Demokratie UTB 1995 bzw. Platon “der Staat” oder Aristoteles Politik (Buch Sieben ff., wenn es um den idealen Staat und dessen Einrichtung geht)