WM-Nachlese: Neokolonialismus?
Donnerstag, 15. Juli 2010 | Autor: peno
Die Spieler der deutschen Fußball-WM-Mannschaft kommen alle - so wurde in den Reportagen mehrfach betont - aus der Bundesliga. Das ist offensichtlich selten so. Erstaunlich und begeisternd waren die Spiele dieser deutschen “Multikulti-Mannschaft”, gerade auch wegen der “Multikulti-Zusammensetzung”. Ohne die Fußball-Söhne der Einwanderungsfamilien sähe die deutsche Mannschaft ziemlich blass aus.
Die TV-Reporter konnten nicht nur die Namen der Spieler aus Afrika, Südamerika oder Asien nennen, sondern zumeist auch hinzufügen, in welchen europäischen Spitzenclubs diese Spieler im Saison-Alltag spielen. Bisweilen - so schien es - sollte der Name der europäischen Spitzenclubs (z.B.: Bayern München, HSV, AC Roma, FC Barcelona, Chelsea London, Milano, Ajax Amsterdam etc, etc) sogar Ersatz für die nationale Herkunft der Spieler sein. Fast alle Spieler der afrikanischen, asiatischen, südamerikanischen Spitzenmannschaften sind für die superreichen europäischen Spitzenvereine verpflichtet, d.h. aufgekauft worden.
Nun wurden die Länder in Afrika, Südamerika und Asien seit langem begriffen als “Entwicklungsländer” oder als “Dritte Welt”. Diese “Dritte Welt” wurde bekanntlich von den Industrieländern - also im wesentlichen von den Europäern - auf ihre für die Industrialisierung verwertbaren Schätze erforscht und sodann umfassend ausgebeutet. Kolonialismus. Die Ausbeutung der für den Aufbau und die Wertschöpfung der Industrieländer wichtigen und leuchtenden Diamanten (Rohstoffe, Arbeitskräfte …) führten in den Industrieländern zu Wohlstand und Reichtum.
Ist der systematische Aufkauf asiatischer, südamerikanischer, afrikanischer “Sportdiamanten” eine neue Form des alten Kolonialismus? Die Sporttalente (nicht nur im Fußball) werden aus ihren Heimatländern gelockt, in Sportcamps ausgebildet und in Europa (fast) wie in Zeiten des klassischen Kolonialismus als Profit bringendes Kapital (Rohdiamanten) eingesetzt. Die “Dritte Welt” liefert - die “Erste Welt” kauft, verwertet und gewinnt: Ein klassisches Muster des kolonialen Systems. Reich bleibt reich und arm bleibt arm.
Mit einigen Einschränkungen gilt dieses Muster offensichtlich auch heute noch für den neokolonialen Welthandel des Fußballs. Der Wert des Menschen Fußballer” (Sportler) wird dabei in Millionen-Beträgen gemessen.
“Spanien wird Weltmeister”. So haben es Jürgen Gerhards (FUB) und Gert G. Wagner (TUB, DIW) vorausberechnet: Die spanische Nationalmannschaft habe mit insgesamt ca. 650 Millionen EUR die auf dem Fußball-Weltmarkt höchst gehandelten Fußballer. Sie muss gewinnen!
“Vor ein paar Tagen hat Bayern München sein Interesse an Fabio Coentrao (Portugal) zurückgezogen: Coentrao … ist inzwischen zu teuer geworden.”1
Realistische Alternativen zur ökonomischen und kulturellen Ausbeutung der “Dritten/Vierten Welt” sind spätestens seit dem Pearson Report (1969) vielfach formuliert worden. Alternativen zum heutigen Sport-Kolonialismus sind ernsthaft noch nicht einmal thematisiert worden. Solche Alternativen müssten auf wirtschaftliche, nachhaltig wirkende Investitionen zur weiteren Entwicklung des Breitensports im eigenen Land zielen und damit den Abzug dortiger Spitzensportler eindämmen. Der faire Wettbewerb (nicht der koloniale Handel!) soll damit auch im internationalen Sport nicht behindert, sondern indirekt sogar unterstützt werden.
- Der Tagesspiegel vom 12.7.10 [↩]
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