Tabus sind sexy: Interview mit Michel Friedman

Freitag, 9. November 2007 |  Autor: peno

politinfos: Guten Tag, Herr Friedman!

Michel Friedman: Na, endlich mal wieder eine zivile Anrede.

politinfos: Hat Sie neulich in dem Edelhotel NN die Anrede „Heil Hitler, Herr Friedman“ überrascht?

Michel Friedman: Nein, eigentlich nur die offene Dreistigkeit eines Horst Mahler.

politinfos: Haben Sie Mahler die Möglichkeit dieses Auftritts gegeben, um ihn anschließend anzeigen zu können? Mahler hat doch schon genug Dreck am Stecken.

Michel Friedman: In meiner Kindheit hieß es „Dreck macht fett“.

politinfos: Zu fetten Absatzquoten haben Sie aber doch nur den Antisemiten verholfen. Die konnten sich endlich auch in einem bürgerlichen Edelmagazin verorten. Und dem Edelmagazin „Vanity Fair“, dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (Frank Jansen).

Michel Friedman: „Vanity Fair“ hätte ohne mich und Horst Mahler niemals einen solchen Starterfolg gehabt. Auch ich musste ja irgendwie wieder aus meinem Publicity-Tief herauskommen. Es hat mich in der letzten Zeit ja kaum noch einer wahrgenommen. Meine Talkshow war und ist im Quotentief.

politinfos: Wir erinnern uns: Sie sind lange Zeit als Moralapostel par excellence aufgetreten und konnten diesen Job dann nicht mehr halten. Was war da los?

Michel Friedman: Gar nichts. Ein schönes Hotel. Ein paar günstig gekaufte Mädels aus Osteuropa (Arbeitsplätze!). Hie und da ein paar Prisen. Ich bitte Sie: Schauen Sie doch mal in die Chefetagen des Establishments. In die verborgenen Etablissements der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Ich bin auf meinen nächtlichen Streifzügen so manch einem begegnet.

politinfos: Man sagt, Tabus seien sexy. Stimmt das?

Michel Friedman: Ja, aber Tabubrüche noch mehr.

politinfos: Ist der Judenhasser und Holocaust-Leugner Mahler ein Tabubrecher?

Michel Friedman: Horst Mahler ist ein dummer Trottel.

politinfos: Wussten Sie und „Vanity Fair“ das nicht schon vor Ihrem Interview? Der gefährliche Trottel Mahler ist doch schon seit Jahren und immer wieder demaskiert worden.

Michel Friedman: Tabubrüche, insbesondere zum Thema Nationalsozialismus, lassen sich heute sehr erfolgreich vermarkten. Ich habe das soeben bei meinem Interview mit Horst Mahler gemerkt. Ich bin wieder im Geschäft. Das merke ich ja auch an Ihnen. „Vanity Fair“ hat gut gezahlt. „Vanity Fair“ wird bei den Schönen und Reichen eine sichere Zukunft haben. Die Schönen und Reichen werden zahlen. Unter den Schönen und Reichen findet man auch Sympathisanten von Horst Mahler.

politinfos: Und diese Leserschaft wollten Sie bekehren?

Michel Friedman: Ja! Fraglich war lediglich, ob die Vanity-Leserschaft sich für die Lektüre eines so außerordentlich langen Interviews ihre kostbare Zeit nimmt.

politinfos: Wir haben uns das Interview genau angesehen und meinen, dass Mahler seine Chancen viel besser genutzt hat. Er bekam selten so viel Hochglanz-Raum. Er hatte selten Gesprächspartner, die ihm so wenig entgegen setzten. Er traf selten auf so freundliche Zuhörer.

Michel Friedman: Als Interviewer muss man sich bescheiden zurückhalten. Man muss den Anderen reden lassen. Ich habe aber darauf bestanden, dass „Vanity Fair“ auch mein mehrfaches Lächeln dokumentiert.

politinfos: Sie haben sich also von Ihrem moralischen Apostolat verabschiedet?

Michel Friedman: Ja, das bringt nix mehr. Man muss flexibel sein. Alles fließt, nichts bleibt.

politinfos: Sie waren zwischenzeitlich auch bei der weniger publikumswirksamen Toilettenfirma NN beschäftigt. Ist auch da was für Sie heraus geflossen?

Michel Friedman: Ja.

politinfos: Moralische Integrität ist für Sie …?

Michel Friedman: Ein Medienprodukt. Nicht sexy.

politinfos: Die Bekundungen von Horst Mahler haben Sie nicht zur inhaltlichen Gegenrede gereizt, sondern …?

Michel Friedman: Mehrmals zu vieldeutigem Lächeln. Sie können das bei „Vanity Fair“ nachlesen.

politinfos: Wir können hier nicht lächeln. Wir fürchten für Sie, dass Sie alsbald eine Entschuldigungsrunde drehen müssen. Wie schon einige Andere.

Michel Friedman: (lacht, mit erhobenem Zeigefinger) Ja, ja, ich weiß. Aber auch das hebt meinen Quotenwert. Auch meine Entschuldigung – wie neulich medial gut inszeniert – wird mir endlich wieder die mir geschuldete Publicity verschaffen. Eva Herman, J. B. Kerner haben es gezeigt.

Anmerkung:

„Das Interview, das der ehemalige Vizechef des Zentralrats der Juden [Michel Friedman] mit dem notorischen Judenhasser Mahler in „Vanity Fair“ geführt hat, ist ein Dokument des naiven, empörungsgeladenen Scheiterns … Doch die seriöse Presse kann von Friedmans Blamage auch lernen: Von Wortlaut-Interviews mit Neonazis profitieren vor allem Neonazis.“1

Eine Autorisierung dieses Interviews durch Herrn Friedman ist leider nicht gelungen.

  1. Frank Jansen, Der Tagesspiegel vom 5.11.07 []
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Thema: Interviews

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