Steilvorlagen für Stiefelträger und Stammtische?

Mittwoch, 8. August 2007 |  Autor: peno

Ursachen für deutsche Wirtschaftskrisen konnten und können jedenfalls nicht mit dem heute behaupteten Fehlen einer „deutschen Leitkultur“ begründet werden. Arbeitslosigkeit, soziale Deklassierungen, Kinderarmut, PISA-Probleme, Demokratiedefizite auf nationaler und europäischer Ebene werden mit einer „neuen Leitkultur“ schwerlich gemindert.

Dennoch: Die Leitkultur-Debatte zieht immer weitere Kreise. Der damalige Bundestagspräsident Jenninger (s.o. “Politiker loten Grenzen aus“) ist 1988 noch gestoppt worden. Die Lobby des heutigen Bundes­tagspräsidenten Lammert ist dafür wohl zu groß geworden.

Unter der rot-grünen Koalition wurde in den 90er Jahren die „Neue Mitte“ als gesellschaftliches, überwiegend ökonomisch-soziologisch definiertes Leitmodell ausgerufen. Die heute geforderte „Neue Leitkultur“ kann als ideologi­sches Pendant verstanden werden. Dabei wird bezüglich der hier behandelten Teilaspekte der Begriff „rechtsextrem“ nach und nach neu definiert, mit bürgerlichen Etiketten verse­hen (z.B. „Neue Leitkultur“) und schließlich gesellschaftsfähig gemacht. Die Ideologie rechtsextremer Stiefelträger verlagert sich von der schmutzigen Straße in die sauberen Sa­lons bürgerlicher Eliten – und umgekehrt.

Eine „Neue Leitkultur“? Ja, die brauchen wir! Allerdings sollte sich diese „Leitkultur“ nicht an den Inhalten und Zielen ihrer bisherigen Ausrufer orientieren. Nicht zurück in die 50er Jahre! Ansonsten: Wer wird dabei gewinnen? Wer wird verlieren?

Eine „missglückte deutsche Debatte“ (B. Tibi)? Eine „Steilvorlage für die Neue Rechte“?
Die Triebfedern einer „Neuen Leitkultur“ heißen nicht Armut und Arbeitslosigkeit. Liefern sie dennoch „Steilvorlagen“? „Steilvorlagen“ führen bisweilen auch ins Abseits.1

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“: Dieser fromme Wunsch Goethes erfüllte sich allenfalls in der Poesie. Hienieden fanden und erfanden Menschen immer wieder und überall Anlässe, ihren Streit auch mit brutaler Gewalt auszutragen. Ob dies ein unergründliches Natur­gesetz ist, mag offen bleiben. Als gesichert darf aber wohl gelten, dass weder nationalistische noch rassistische Streitmotive in die Wiege der Menschen gelegt wurden.

In neuerer Zeit ist der verhängnisvolle Zwilling Nationalismus-Rassismus wohl eher dem depravierten Denken des Bürgertums entsprungen, das diesen Zwilling genährt und seinen ökonomischen, machtpolitischen, religiösen und verquer intellektuellen Interessen dienstbar gemacht hat. Das galt auch für die Ideologie des Hitler-Faschismus. Es ist noch immer kolportierte Legende, dass die Weltwirtschaftskrise (1929) die NS-Ideo­logie durchgesetzt hat. Das damalige Bildungsbürgertum war aber auch noch nach 1933 weit unterdurchschnittlich von sozialer Verelendung und Arbeitslosigkeit betroffen.

Der Gefreite Hitler war eben nur ein Gefreiter, keine goldenen Tressen, keinerlei akademische Würden. Seine Ideologie wurde aber – natürlich bildungsbürgerlich ausformuliert – in großen Teilen des damaligen Bildungsbürgertums übernommen und lieferte die „Steilvorlagen“ für die braunen, sodann schwarzen Stie­felträger! Nach 1945 hat man schnell vergessen und zumeist erfolgreich jegliche Verantwortung für die diesem Denken folgenden schmutzigen Taten geleugnet.

kari_20060929_sofort_verhaften.gif

© K. Stuttmann

Heute wird immer wieder der „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen. Programme gegen neonazistische Gewalttäter (Besuch jüdischer Friedhöfe, Zeitzeugen, Mahnwachen, Lichterketten …) erreichen aber wohl kaum die Stiefelträger der Straße.

Die politischen und intellektuellen Eliten des rechtskonservativen Spektrums kommen dabei kaum in den Fokus. Sie können unter dem fein gewählten Stichwort „Neue Leitkultur“ nach und nach die in den 60er/70er Jahren formulierten Grundlagen einer demokratischen Kul­tur zurück drehen.

  1. Weitere Informationen dazu u.a. in Wikipedia: Leitkultur []
Tags »   

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: Neue Leitkultur?

Kommentare und Pings sind geschlossen.

Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: