Steglitz-Zehlendorf: Der „Bogenschütze“
Donnerstag, 15. November 2007 | Autor: peno

Der Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist traditionell der Bezirk des wohlanständigen und wohlhabenden Bürgertums.
In der NS-Zeit stand das Militär in hohem Ansehen. Den im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten wurden hier heldisch-verklärende Hymnen gesungen. Sogar in den Gymnasien wurden aufwändige Gedenkaltäre eingerichtet. Die Gedenkaltäre sind noch heute in diesen Gymnasien. Dazu und zu den folgenden Informationen siehe www.petitesse.com
1933/34 wurde in Steglitz für die Gefallenen des 1. Weltkriegs „Der Bogenschütze“ aufgestellt. Dieses Ehrenmal, im 2. Weltkrieg zerstört und 1957 als „Ehrenmal der Flakartillerie für die Gefallenen beider Weltkriege“ feierlich wieder aufgestellt, und die sich dort Jahr für Jahr wiederholenden Zeremonien stießen bei jüngeren Generationen immer wieder auf Kritik.
- Zum Volkstrauertag 2004 hält Bezirksbürgermeister Herbert Weber1 eine Gedenkrede, in der er die Kriegsgefallenen ehrt und sodann Deserteure heftig beschimpft.
- Weber war es auch, der bis 1995 in enger Zusammenarbeit mit FDP und Republikanern die Errichtung der Spiegelwand am Herman-Ehlers-Platz zu hintertreiben suchte.
- Weber wollte im Februar 2005 zusammen mit der FDP den 8. Mai 1945 wieder in „einen Tag der Niederlage“ umfärben.
- Seit November 2006 hat die CDU in Steglitz-Zehlendorf mit den Grünen einen neuen Koalitionspartner. Es wurde eine „neue Erinnerungskultur“ verabredet.
- Zum Volkstrauertag 2007 treten in Steglitz-Zehlendorf wieder die Alten Kameradschaften an, um für die Kriegsgefallenen das kostenträchtig restaurierte Ehrenmal „Der Bogenschütze“ einzuweihen. Die Schirmherrschaft hat Bezirksbürgermeister N. Kopp, der Nachfolger und ehemalige Mitstreiter Webers, übernommen. Bei der „neuen Erinnerungskultur“ machen natürlich auch alle Vertreter der Bezirksverordneten mit.
Militärische/paramilitärische Symbole und Rituale sind ohne ihren historischen Kontext nicht zu begreifen und der heutigen Generation nicht zu vermitteln. Der historische Kontext dieser Rituale steht fraglos in einer Tradition, deren Ideologie zumindest heute fraglich ist2. Darauf im Zusammenhang eines vom Bundesverteidigungsministerium geplanten zentralen „Ehrenmals“ in einem Offenen Brief aufmerksam gemacht zu haben, ist ein Verdienst des Ulmer Vereins. Auch in der Steglitz-Zehlendorfer „Erinnerungskultur“ sollte diese Diskussion beachtet werden.
- Herbert Weber [↩]
- Das gilt auch für den “Bogenschützen”. Fotos und Dokumente zum „Bogenschützen“ bei Andreas Vildman [↩]


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.




Sonntag, 18. November 2007
Die Gedenkfeier auf dem Friedhof in der Bergstraße am heutigen Volkstrauertag war ein würdiges Gedenken an alle Opfer von Krieg, Verfolgung und Terror. Ich bin gespannt, wie weit die Bezirksverordneten mit ihrer Arbeit an einer Erinnerungskultur kommen. Meine Unterstützung haben sie.
Donnerstag, 22. November 2007
Betr.: Kommentar vom 18.11.07
i.O., Warum aber an einem “Ehrenmal” für im 1. Weltkrieg gefallene Soldaten?
Warum unter dem jetzt neu eingeweihten Symbol “Der Bogenschütze”?
Warum die aktiv organisierte, mit dem Bezirksamt abgesprochene, öffentlich verkündete Anwesenheit der “Alten Kameradschaften”?
Hier sind unterschiedliche Interpretationen, vielleicht auch Missverständnisse möglich. Die “Erinnerungskultur” in der Steglitz-Zehlendorfer Tradition ist jedenfalls nicht unproblematisch.
Montag, 3. Dezember 2007
“Erinnerungskultur” ist bislang keine lobenswerte Steglitz-Zehlendorfer Tradition. Zumindest nicht, wie ich sie verstehe. Da gebe ich Ihnen recht. In die Zeremonie am 18.11.07 einbezogen war das Mahnmal an die “Opfer aus Steglitz-Zehlendorf”, das mir bis dato unbekannt war (Ansicht bei denkmalprojekt.org) Dieses steht sicherlich nicht ohne Grund an genau dieser Stelle. Wer es wann aufgestellt hat, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Wie lange die Feierlichkeiten noch mit den “Alten Kameradschaften” abgehalten werden, wird die Zukunft zeigen. Heute jedenfalls spiegelt sich in der Tatsache, dass es noch immer so ist, die bürgerliche Gesellschaft im Bezirk. Und dazu gehören eben auch die Menschen, die Beteiligte des Krieges waren - oder deren Nachkommen sind. Doch das darf uns eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass 62 Jahre keine lange Zeit sind. Geschichte vergeht nicht. Erinnerungskultur ist ein Teil der Alltagskultur. Und als solche ist es an allen Generationen, sie weiter zu entwickeln und nicht wegzuschauen. Dass eine große Menge heute wegschaut - nicht nur die Geschichte betreffend, sondern auch bezüglich der Gegenwart - beschleicht auch mich mit Sorge.
Die Zeremonie des 18.11.07 jedenfalls gibt dabei keinen Anlass, sich zurück zu lehnen. Doch sie ist ein Fortschritt. Die Zeremonie am 16.11.08 genau so zu wiederholen darf nicht ausreichen. Die Tage dazwischen sind von Bedeutung. Ich will hoffen, dass die Steglitzer und Zehlendorfer gewillt sind, eine Erinnerungskultur zu leben, die eine Aufarbeitung ermöglicht und sich nicht auf feierliche Zeremonien beschränkt.
Montag, 24. März 2008
Alle oben genannten Aspekte mögen zutreffend sein - der Wichtigste wird unbewusst angesprochen: Bildung, Aufklärung ist nötig. Brauchen wir eine neue Erinnerungskultur, wo die “alte” nicht ansatzweise verwirklicht ist? Verschieben von gegebenen Lösungen: das Stichwort in Bezug auf Politik. Morgen. Ja, morgen.
Lasst uns weiter drüber sprechen - zu handeln gehört dazu. Sich einzumischen.
Montag, 22. September 2008
Der nackte kniende “Bogenschütze” des Prof. Kupsch ist ein Denkmal für die Opfer der Kriege - Erinnerung und Mahnung zugleich. Wenn der Bezirk Steglitz-Zehlendorf alljährlich am Volkstrauertag - in Zusammenarbeit mit der Reservistenkameradschaft Berlin-Südwest und Unterstützung durch aktive Soldaten des Wachbataillons des Bundesministeriums für Verteidigung - anläßlich einer würdigen Feierstunde auf dem Friedhof Bergstaße aller militärischer und ziviler Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft gedenkt, wird damit auch an die notwendigen Anstrengungen zur Erhaltung des Weltfriedens gemahnt.
Die “alten” Teilnehmer haben die Folgen des 2. Weltkrieges erlebt und können ihre Erfahrungen beispielhaft der Jugend schildern.