Schulen im Nationalsozialismus (Kurzfasung)
Montag, 10. September 2007 | Autor: peno
„Schulgeschichte ist ein Widerschein der Zeitgeschichte.“ (A. B. Wachsmuth)
Ausführliche Darstellung in: Schulen im Nationalsozialismus
Seit Jahren gibt es Tendenzen, die Verbrechen der NS-Zeit zu verharmlosen, zu relativieren, einen „Schlussstrich“ zu ziehen oder gar ins neonazistische Denken und Handeln abzudriften. Zugleich wird ein obskurer Opfermythos der Deutschen aktualisiert. Eine „Neue Leitkultur“ mit alt hergebrachtem Wertesystem und betontem Nationalbewusstsein soll wieder etabliert werden. Wir wollen endlich wieder stolz sein dürfen! Auch deshalb muss sich Deutschland von dem belastenden Sog der NS-Zeit befreien. Intellektuelle Mainstreamer verstärken und unterfüttern diesen Trend.
Ein Blick in die Homepages der 13 Gymnasien in Steglitz-Zehlendorf sollte klären, ob der politisch-historische Verdrängungs- und Umdeutungsprozess auch dort schon seinen Niederschlag gefunden hat. Der für Steglitz-Zehlendorf erarbeitete Überblick gilt weitgehend auch für die Gymnasien in den anderen Berliner Bezirken.
Homepagedarstellungen: Lücken und Verdrängung
Die Selbstdarstellungen der Gymnasien im Internet scheinen die politisch Verantwortlichen nicht zu interessieren. Die Mitverantwortung des Bildungsbürgertums bei Entstehung und Entwicklung des Nationalsozialismus scheint wieder bagatellisiert und verdunkelt zu werden.
Schulleiter sind zumeist sehr stolz auf die Homepage ihrer Schule. Unter dem fast überall eingerichteten Link „Schulgeschichte“ werden denn auch viele Details mitgeteilt, und zwar über die Zeit bis 1933 und dann wieder über die Nachkriegszeit – ganz unabhängig davon, ob diese Details für heutige Besucher der Homepage bedeutsam sind und nachgefragt werden. Wenn aber unter einem solchen Link so ausführliche Informationen über Gebäude, Namen, Schülerzahlen, Festlichkeiten etc. Bedeutung zugemessen wird (weil solche Daten heute werbewirksamer sind?), dann sollte dies auch für Charakter und Entwicklung der Schule in der NS-Zeit gelten! Die hier fast immer erkennbare Leerstelle ist bemerkenswert.
Gymnasien sollten in ihrer Homepage auch über ihre Schulgeschichte informieren – allerdings geschichtsehrlicher als bisher. Verschweigen der für die NS-Zeit dokumentierbaren Fakten ist pädagogisch und politisch wenig hilfreich.
„Es gibt keinen Weg um die Geschichte herum, sondern nur durch die Geschichte.“ (Karl Jaspers)
Die Homepages fast aller Gymnasien tabuisieren sachlich und begrifflich das Thema „Nationalsozialismus“. Sie vermitteln den Eindruck, dass die NS-Zeit in ihren wesentlichen Elementen an diesen Schulen vorbei gegangen ist. Die NS-Zeit wird weitgehend auf den Krieg reduziert: Schulen waren Opfer des Krieges. Bomben haben den ansonsten wohl organisierten Unterrichtsbetrieb gestört. Die historische Wirklichkeit wird verfremdet.
Die Darstellung der NS-Schulgeschichte in der Homepage scheint mit nur wenigen Ausnahmen wieder in das Geschichtsverständnis der 50er/60er Jahre zurückgefallen zu sein. Diese Homepagedarstellungen stehen in deutlichem Widerspruch zu der im „pädagogischen Profil“ einer Schule anspruchsvoll formulierten Aufgabe:
„Wir betrachten es als ausdrückliche Aufgabe, faschistischen, nationalsozialistischen und rechtsextremen Erscheinungen und Tendenzen in unserer Gesellschaft aktiv entgegenzuwirken. Basis dafür ist ein ehrlicher Umgang mit diesem Teil unserer Geschichte …“1
Schularchive geben Auskunft
Die sich der neuen Staatsdoktrin – in Korrelation zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld – zumeist bereitwillig und opportunistisch, bisweilen auch aus Überzeugung unterwerfenden Pädagogen waren für die Vermittlung und Akzeptanz der NS-Ideologie wichtige Wirkungsfaktoren und zuverlässige Multiplikatoren. Die Schule war offensichtlich ein zuverlässiger Baustein im Nazi-System, ein für die NS-Ideologie wirksamer Transmissionsriemen oder – wie es der damalige Leiter des Steglitzer Gymnasiums 1936 ausgedrückt hat:
„ein kleiner Teil in dem großen Organismus völkischer Schaffenskraft und völkischen Arbeitswillens“.
Alle untersuchten Schulen haben sehr früh und aktiv dazu beigetragen, den „alltäglichen Faschismus“ in Deutschland zu etablieren. Nicht selten, so zeigen es die Quellen, wurden die Vorgaben des NS-Staates nicht nur unreflektiert erfüllt, sondern sogar übererfüllt. Die Studie zeigt, in welcher Schnelligkeit, Breite und Intensität nahezu die gesamte NS-Ideologie von den damaligen Oberschulen (den heutigen Gymnasien in Steglitz-Zehlendorf) übernommen wurde, und zwar flächendeckend in zwei betont bildungsbürgerlichen Bezirken.
Die Schularchive dokumentieren ein nahezu reibungsloses Funktionieren im Sinne des NS-Systems, ein glattes Anpassen - mit nur geringfügigen Ausnahmen. Das muss allerdings nicht in jedem Detail komplette Übernahme der Nazi-Ideologie bedeuten. Aber auch kein Widerstand, allenfalls hier und da ein stilles Unterlaufen, ein zu vermutendes Unbehagen. Stilles Unterlaufen, zu vermutendes Unbehagen haben aber weder die innerdeutsche Diktatur noch den Weg nach Auschwitz, auch nicht den 1. September 1939 mit den jeweiligen Folgen verhindert oder deren Dramatik gemindert.
Dies zu prüfen und darzustellen, fällt offensichtlich den für die Schulen Verantwortlichen noch immer schwer. Vor diesem Hintergrund wirken so manche festtäglichen Äußerungen zur Notwendigkeit, die NS-Zeit für die heutige junge Generation auch aus aktuellen Gründen „aufzuarbeiten“, wenig glaubwürdig.
Die damaligen Lehrerinnen und Lehrer lassen sich zwar nicht zu den „Tätern“ zählen (daher sind sie nach 1945 zumeist ja auch „entlastet“ worden), wohl aber zu den mehr oder weniger überzeugten, aktiven Wegbereitern und Wegbegleitern. Sie haben so ziemlich alle in der Schule verfügbaren Register der nationalsozialistischen Orgel gezogen. Zumindest überwiegend. Das „pädagogische“ Wirken wollte und sollte die Jugendlichen für die NS-Ideologie verfügbar machen, sie in den NS-Staat einbinden. Bei gründlicher und geschichtsehrlicher Aufarbeitung der Schularchive dürfte belegbarer Widerspruch schwierig sein.
Auch in der Schule war demokratischer Widerstand nicht immer und nicht sofort unter schwere Strafe gestellt. Die Dokumente lassen in der Regel noch nicht einmal den Versuch von Widerstand erkennen.
Die aus den Quellen herauszulesenden Informationen sind nur Schlaglichter. Überzeugungsgrad, innerer Widerstand, Rezeptionswirkungen mögen unterschiedlich gewesen sein. Im Vergleich der einzelnen Schulen ergibt sich eine nur in der Intensität und der bildungsbürgerlich bestimmten Verbrämung ein und derselben Ideologie sich unterscheidende Gleichschaltung. Dabei kann es zur Diskussion stehen, ob dieser Prozess nur „von oben“ erzwungen war. Jedenfalls kann dem „Proletarier der Straße“ nicht vorgeworfen werden, was den Bildungseliten heute mit vielerlei Rechtfertigungsgründen in der Regel großzügig nachgesehen wird!
Die Gymnasien haben viele Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler geschichtsbewusst und demokratisch zu erziehen. Und sie nutzen in der Regel diese Möglichkeiten. Umso unverständlicher das Defizit in der per Internet präsentierten Selbstdarstellung. Es ist aber wohl unzulässig, dieses Defizit und/oder dem Unterricht eventuell anzulastende Informationsmängel für heutige in der Gesellschaft immer wieder erkennbare neonazistische, reaktionäre Tendenzen verantwortlich zu machen.
Zeitzeugen gibt es bald nicht mehr. Problematisch, dass Verdrängen und Verschweigen der NS-Geschichte heute wieder bewusst gesteuert werden. Problematisch auch, wessen Interessen diese Steuerung bedient. Problematisch, so lange auch im heutigen Bildungsbürgertum die Wurzeln so manchen Denkens und Handelns noch immer in die NS-Zeit reichen. Geradezu grotesk wirkt das Geschichtsverständnis eines Gymnasiums mit einem zeitgeschichtsträchtigen Namen, wenn es sich mit dem Hinweis vorstellt:
„Die Rosa-Luxemburg-Oberschule wurde 1907 gegründet und hat seitdem eine sehr wechselvolle Geschichte durchlebt.“
Was tun?
- In der Homepage der Gymnasien sollte mit einer gründlichen Überarbeitung die „Basis für einen ehrlichen Umgang mit diesem Teil unserer Geschichte“ geschaffen werden.
- Es könnten am Beispiel der eigenen Schule auf einer für Schülerinnen und Schüler nahen und damit nachvollziehbaren Ebene Aufbau und Entwicklung des NS-Systems glaubhaft erklärt werden, wie das in Arbeitsgemeinschaften vereinzelt schon realisiert wurde: Der Nationalsozialismus in meiner Stadt, in meinem Bezirk, in meiner Schule. Interaktive, interdisziplinäre, auch über die Einzelschule hinaus greifende Arbeiten sollen angeregt werden.
- Das Thema „Unterricht und Erziehung im Nationalsozialismus“ ist in der Fachliteratur intensiv behandelt worden. Der kompakte Nachweis, wie konkret, frühzeitig und umfassend die damaligen Gymnasien und Oberschulen z.B. in Steglitz und Zehlendorf in die Entwicklung und den Verlauf des Nazi-Systems involviert waren und welche Nachwirkungen dies hatte, fehlt. Eine Lücke, die mit einer Ausstellung ausgefüllt werden könnte – so wie dies in anderen Bereichen nach und nach geleistet worden ist und geleistet wird.
- „Schulgeschichte als Widerschein der Zeitgeschichte“ (A. B. Wachsmuth) zu begreifen, in den Homepages angemessen darzustellen und für den Schulunterricht nutzbar zu machen, könnte auch eine Aufgabe für die Lehrerausbildung in den Fachseminaren sein. Das Berliner Schulgesetz stünde dem jedenfalls nicht im Wege:
„Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus … entschieden entgegenzutreten … (§ 1)


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.



