Novembertage
Samstag, 22. November 2008 | Autor: peno
Nun ja, der November war und ist ein dunkler, ein trüber Monat. Besonders in Deutschland. Nicht nur wegen 1918, 1923, 1938. Ein Blick aus dem Fenster: Wahrlich trübe Aussichten. Man liegt im Krankenhaus und liest die Zeitungsnachrichten zum tagtäglichen Geschehen. Man kann kaum glauben, wie viel Müll etliche Vertreter der Führungseliten in kürzester Zeit (knapp drei Wochen) produzieren:
- Professor Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, glaubt seine Sympathie, sein Mitgefühl, seine Solidarität mit der immer mehr verelenden Managerklasse eindrucksvoll ausdrücken zu müssen: So wie es 1929 (Weltwirtschaftskrise!) die Juden getroffen habe, so treffe es heute unsere armen Manager.
Hans-Werner Sinn muss sich entschuldigen … - Wenige Tage später erinnert sich auch Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, an die Verfolgung der Juden im Nazireich: „Pogromstimmung“ nennt er öffentlich die kritische Debatte um die Millionen-Einkommen unserer Supermanager.
Christian Wulff muss sich entschuldigen … - Auch in Potsdam ist die NS-Zeit noch im Gespräch. Jann Jakobs, Potsdamer Oberbürgermeister, über ein paar Jugendliche, die es wagten, den Heiligen Beratungsfrieden der Stadtverordnetenversammlung demonstrierend zu stören: „Die Nazis haben auf diese Art und Weise Parlamentarier eingeschüchtert, das sind schon dieselben Methoden.“ Für ähnliche Sprüche musste sich weiland Ende der 60er Jahre schon der Herr Professor Jürgen Habermas entschuldigen.
Jann Jakobs (SPD) muss sich jetzt entschuldigen … - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi will dem designierten US-Präsidenten B. Obama schmeicheln: Obama sei „… gut gebräunt“.
Silvio Berlusconi muss sich entschuldigen … und legt wenige Tage später noch einmal nach: „Wir wären gerne alle so gebräunt wie … Obama“. - Ein Berliner Polizeiobermeister trägt bei einem Diensteinsatz am 9. November für alle sichtbar eine Thor-Steinar-Jacke. Der Obermeister entschuldigt sich nicht, sondern erstattet Anzeige wg. „besonders schwerem Landfriedensbruch“.
Polizeipräsident Dieter Glietsch übernimmt für seinen “ansonsten unbescholtenen” Obermeister das Entschuldigungsritual …
Christoph Hinkelmann, Kurator des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg, hält die Jagdtrophäen Hermann Görings für so bedeutsam, dass er sie für die Nachwelt unbedingt erhalten und in einer Ausstellung der heutigen Öffentlichkeit präsentieren will. Göring wird in der Ausstellung schlicht und unbedarft als “Rotwild-Jäger in Ostpreußen“ dargestellt.
Christoph Hinkelmann muss sich entschuldigen … Die Göring-Hinweise sollen ergänzt/korrigiert werden …
Ja, der November war und ist ein dunkler, ein trüber Monat. Entschuldigungen können ihn nicht wirklich aufhellen.
Die Pfade sich immer stärker häufender und damit immer unglaubwürdiger werdender Entschuldigungstouren deutscher Eliten sind inzwischen ebenso ausgetrampelt wie z.B. der Jakobsweg. Aber jede Station einer Entschuldigungstour bringt den Entschuldigern neue Aufmerksamkeit. Dafür sorgen genüsslich die Medien. Und die politischen Dümmlinge wissen das. Dennoch bleibt es erstaunlich, wie locker, schnell und leichtfertig sich heute noch solche historischen Tabubrüche in den Reihen unserer Eliten (?) ergeben. Die Hoffnung auf milde Nachsicht, auf wohlwollende Vergesslichkeit muss groß sein.
„… Das Ritual des Rückwegs – Kritik, vorsichtige Verstocktheit, Rücktrittsforderungen, Entschuldigung – folgt den in solchen Fällen üblichen Stationen.“1
Widerstand sollte nicht auf Henryk M. Broder, Michel Friedman, und/oder Charlotte Knobloch abgeschoben werden; diese tun pflichtgemäß ihre Schuldigkeit und können uns Anderen die Verantwortung nicht abnehmen.
- Matthies meint, „Neger, Juden und andere Manager”, in: Der Tagesspiegel vom 8.11.08 [↩]


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.




Montag, 24. November 2008
Das ist ja erschreckend: Also das übliche in den Medien. Ich habe inzwischen mein Tsp.-Abo beendet, aus genau dem genannten Grund. Zu viel Medienrauschen, zu wenig konstruktive Beiträge. Die taz dagegen kennt, wie ich derzeit feststelle, auch positive Nachrichten. Und wenn es mal nicht so gut läuft, wissen sie dort mit ironie oder dem nötigen Ernst zu berichten. Erschreckend auch, dass Du all dies aus dem Krankenhaus verfolgen musst. Ich hoffe es geht Dir nun besser. Liebe Grüße.