Bundeswehr-Ehrenmal
Montag, 15. Oktober 2007 | Autor: peno
Die deutschen Rüstungsexporte expandieren. Das hilft der Wirtschaft. Zunehmende Soldatenexporte bringen den Verteidigungsminister in immer dringlicher werdende Handlungszwänge. Er will alsbald ein öffentliches Zeichen setzen. Am Volkstrauertag (!) 2007 will er sich medial in Szene setzen und den Grundstein für ein Ehrenmal legen:
„Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit.“
Das von Andreas Meck millionenschwer entworfene Monument ist ziemlich geheim gehalten worden. Eine öffentliche Diskussion war offensichtlich nicht erwünscht. Dennoch regt sich Widerstand. Mehr als 90 HistorikerInnen/KunsthistorikerInnen protestieren in einem Offenen Brief an die Bundesregierung :
„… Eine Übernahme der Bildformeln des nationalen Totenkults, der Kriegerdenkmäler aus dem 19. und 20. Jahrhundert, halten wir für nicht akzeptabel. Wir lehnen jede sakrale Überhöhung des Soldatentods ab - besonders dann, wenn sie im Namen demokratischer Werte erfolgt. Und genau dies tut der zur Verwirklichung ausgewählte Entwurf, der mit Raumschale, Cella und Steinaltar … die Heiligung und Belohnung des Soldatentods durch den Aufstieg zum Licht über dem Altar des Vaterlandes impliziert …“
Deutschland hat genug „Ehrenmale“ für den angeordneten und/oder kollateral einkalkulierten Soldatentod. Ehrenmale trocknen keine Tränen. Ehrenmale können die Befehlsgeber nicht aus ihrer Verantwortung retten!
Hier eine kleine Auswahl der „Ehrenmale“ in heutigen Berliner Gymnasien1:
Arndt-Gymnasium: Vor der Aula eine Marmortafel: „Unsere Gefallenen von 1914 bis 1921“, davor: Soldatenkopf mit Helm auf einer Stele. Eine Holztafel in der Aula gedenkt der über 500 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schüler.
Anfang der 50er Jahre wurde die Inschrift geändert: „Den Arndtern, die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden. Den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Mahnung“
Gymnasium Steglitz: „Dem Gedächtnis unserer Gefallenen“ „Es starben für das Vaterland“
Mit Hinweis auf diese „Ehrentafel“ verkündete 1936 der Schulleiter in einer Festrede:
„Dann werdet Ihr auch in den beiden letzten und höchsten deutschen Tugenden, der Opferbereitschaft und Todesverachtung, nie versagen, so wie man es Euern Kameraden hier nachgerühmt hat, … deren Namen Euch täglich von der Ehrentafel herab im ersten Stock unserer Schule mahnend grüßen …“
Lilienthal Gymnasium: Aufwändig geschnitzte Holztafel: „Dem Gedächtnis unserer für das Vaterland 1914 – 1918 gefallenen Lehrer und Schüler“, „Ein Beispiel hab’ ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe. Joh.13“
Dazu erklärte die Lehrerschaft in den 80er Jahren: „Diese Gedenktafel … ist Ausdruck der politischen und ideologischen Verhältnisse dieser Zeit, wie auch das in diesem Zusammenhang missbrauchte und dadurch gefährliche Bibelwort zeigt. Diese Toten waren Opfer einer verantwortungslosen Politik. Ihr Sterben und die Tafel … seien Mahnung und Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen und alles zu tun, den Frieden zu erhalten.“
Paulsen Gymnasium: Große, auffällig gestaltete Holztafel (darüber ein Helm mit Eichenlaub): „Es starben für das Vaterland“, „Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht“, „Unseren Gefallenen 1939 – 1945“
Die gestalterischen Formen dieser Ehrenmale sind zeitgemäß. Bildformeln, Aussagekraft, inhaltliche Kerngedanken sollen – wie die o.g. Kritiker befürchten – in dem jetzt von der Bundesregierung geplanten Ehrenmal übernommen werden. Parlamentarischer Widerstand ist nicht bekannt geworden.
Wie viele Ehrenmale wird Deutschland noch brauchen, um Politikern und Generälen öffentlich zelebrierte Kranzniederlegungen zu ermöglichen?
„Sag’ wo die Soldaten sind … wo sind sie geblieben?“ Ein Ehrenmal kann die Antwort nicht geben.
„Wann wird man je versteh’n …?“ Ein Ehrenmal wird die Antwort nicht geben.
„Blowing in the wind“: Hoffentlich auch bald die Tradition des „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“ (Horaz)


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.




Dienstag, 16. Oktober 2007
Ein Ehrenmal wäre auch heute wieder ein Ausdruck der politischen und idiologischen Verhältnisse unsere Zeit. Wollen wir hoffen, dass es so weit noch nicht gekommen ist.
Danke für die Zusammenstellung. Wie trefflich die Seitenblicke auf lokale Ehrenmale doch sind. Hierzu habe ich auch die http://petitesse.com interessiert gelesen und möchte diese Jedermann und -frau ans Herz legen: Wie sieht es in Ihrer jeweiligen Umgebung aus?