Jagd auf die 68er

Montag, 12. November 2007 |  Autor: peno

Jagden haben die 68er damals zur Genüge erlebt. Sie hätten sich aber wohl nicht träumen lassen, dass sie auch nach 50 Jahren noch immer beliebtes Jagdziel sind. Vielleicht können die 68er das auch als späte, aber verdiente Trophäe verbuchen.

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der Chefredakteur der „Bild Zeitung“ Kai Diekmann

„frönen … mit überschäumender Energie einem neuen transnationalen Sport – der Jagd auf die Achtundsechziger. Haben wir doch diesen Teufelchen ohne Glauben, Moral und Disziplin die Apokalypse zu verdanken, die in absehbarer Zeit über unsere globalisierte Zivilisation hereinbrechen wird. Sie sind an allem schuld: an den Faulenzern, die nicht aus dem Bett finden, am Zerbröseln der Sitten, am Untergang der Werte, an Scheidungen im Fließbandverfahren, an der Geburtenkrise, an der Pisa- Katastrophe, an der fehlenden Vaterlandsliebe …

Schließen Sie die Augen und erinnern Sie sich …:

Adenauer, seine Hosenträger, seine Gartenschere, seine Rosenstöcke. ‘Tante Yvonne’, die kleine Madame De Gaulle, mit ihrem Schleierhut und ihrer Handtasche, im überproportionierten Schatten ihres sehr großen Ehemannes. Das bigotte, verklemmte, autoritäre Frankreich, noch ganz von Pétains ‘Familie, Vaterland, Arbeit’ getränkt … Linealschläge auf die Finger, Prügel mit dem Gürtel … strenge Hierarchie in Firma und Familie … eine anständige Frau [durfte] damals nicht frei über ihre Lust, ihr Bankkonto und ihren Beruf bestimmen … das Schweigen über die Nazizeit, die verdrängte Schuld, die das damalige Deutschland erstickte …

Die Luft war nicht zum Aushalten. Man musste 20 Jahre alt sein, um das Fenster aufzureißen.“1

Weitere Erinnerungen werden wach: „Wir wollen niemals auseinander gehen …“, „Heidschi bumbeidschi …“, „Schaffe, schaffe Häusle baue …“; aktiv betriebene Aufnahme alter Nazis ins Establishment der BRD; NPD in mehreren Landtagen;Pressekonzentration (Springer!); Notstandsgesetze; fanatischer Antikommunismus; verkrustetes, schichtenspezifisch ausgerichtetes Bildungssystem („unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“); Aufrüstung; Kriege; 3. Welt … und vieles mehr.

Dass Leute wie Diekmann und Sarkozy die „Jagd auf die Achtundsechziger“ forcieren, kann nicht überraschen. Namen und Personen sind austauschbar. Aber heute leiden auch viele 68er - nach erfolgreichem „Marsch durch die Institutionen“ gut integriert - unter merkwürdigem Erinnerungsschwund, sind ins damals heftig bekämpfte Gegenlager gewechselt und/oder beteiligen sich nun mit der intellektualisierenden Verve des weisen Alters an der „Jagd auf die Achtundsechziger“. Unter dem modisch verbrämenden Etikett „Neue Leitkultur“. Seit an Seit mit den Ideologen des Neokonservatismus. Welch eine Schizophrenie! Man muss wohl erneut „das Fenster aufreißen“.

Selbst der Historker Paul Nolte, ein Vertreter des Neokonservatismus,  schreibt:

„Der Terrorismus der RAF ist weder ein Bestandteil noch eine simple Verlängerung der „68er“ und namentlich der Studentenbewegung gewesen.“2

  1. Pascale Hughes, in: Der Tagesspiegel vom 10.11.07 []
  2. Der Tagesspiegel vom 11.11.07 []
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Thema: Schlaglichter, Zitate

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