Historiker, Kulturprominenz

Mittwoch, 8. August 2007 |  Autor: peno

Karlheinz Weißmann, Vordenker der Neurechten:

„Nicht die intellektuelle Lufthoheit über Stammtischen, sondern über Hörsälen und Seminarräumen interessiert uns.“1

Strategisch gar nicht ungeschickt. Weißmann hat recht früh und sehr genau erkannt, dass die „Neue Rechte“ eben nicht auf die brutalen Stiefelträger der Straße setzen kann, weil diese Gefahr von zu vielen Gutmenschen erkannt und bekämpft wird.

Weißmann und Gesinnungsgenossen gehen subtiler, aber langfristig wirksamer vor. Sie zielen auf die bürgerliche Klientel. In der bürgerlichen Mitte wollen sie den fruchtbaren Nährboden finden, vor allem aber das heute und zukünftig gesellschaftspolitisch und gesetzgeberisch relevante Potential: Eine Klientel, die aus den Hochschulen kam und kommt.

Weißmann gehört zum „Weikersheimer Schulungszentrum“, zu dem bekanntlich auch Bundesinnenminister Schäuble zählt.

Nach dubiosen Publikationen (z.B. „Die selbstbewusste Nation“) darf Weißmann 1995 für den 9. Band der Propyläen Geschichte Deutschlands zur Geschichte des Dritten Reiches als Autor firmieren. Der Band soll ein Standardwerk der Geschichtsschreibung werden. Weißmann nutzt seine Chance zur „Verharmlosung der NS-Zeit im Gewande der Wissenschaft” (W. Wippermann).

So ziemlich alle namhaften, in der Fachwissenschaft führenden Renzensenten und Kommentatoren weisen auf die rechtslastigen, nationalkonservativen, revisionistischen Hintergründe und Querverbindungen des Autors hin.

Auch Lehrerinnen und Lehrer des Berliner Beethoven-Gymnasiums haben in einem Offenen Brief energisch protestiert:

„… Als Lehrerinnen und Lehrer … teilen wir die uns bekannt gewordenen Bedenken gegen die Publikation des 9. Bandes der PROPYLÄEN GESCHICHTE DEUTSCHLANDS und werden Kauf, Verbreitung und Benutzung dieses Bandes bestmöglich einzuschränken suchen.

Wir befürchten, dass das nationalkonservative Denken der ‘Neuen Rechten’ eine aufwertende und neue pseudowissenschaftliche Legitimation erhält, die … den politischen Zielen rechtskonservativer Kreise unkontrollierbar dienlich werden kann. …”

Die deutliche, breit gestreute Kritik führte zur Rücknahme des 9. Bandes.

Heute scheint der Widerstand gegen solche “revisionistischen Mimikrys” (Wippermann) nachzulassen. Aber noch immer gilt wie 1996:

„Es bedarf nun gemeinsamer und verstärkter Anstrengungen, um die ungerufenenen Geister wieder zurückzudrängen. Die Verteidigung dessen, wofür noch immer eine Mehrheit eintritt, sollte diese Anstrengungen wert sein.“ (aus einer Broschüre gegen die Veröffentlichung des 9. Bandes)

Weißmanns Umfeld

  • 1986 versucht Ernst Nolte eine Neuinterpretation der NS-Zeit: Verharmlosung durch Relativierung. Nolte löst damit den „Historikerstreit“ aus.
  • Seit 1990 wird das Sprachrohr der „Neuen Rechten“, „Junge Freiheit“, auch mit Artikeln und Interviews politischer und bildungsbürgerlicher Eliten versorgt. Inzwischen ist die „Junge Freiheit“ in der Bundespressekonferenz vertreten.
  • Seit Mitte der 90er Jahre wird in diversen Veröffentlichungen der Opfermythos der Deutschen wieder stärker belebt.2 Führende Funktionäre der Vertriebenenverbände drängen sich mit ihren Forderungen in den Vordergrund. Nur zögerlich beugt sich Erika Steinbach dem öffentlichen Druck, auch die NS-Vergangenheit früherer Funktionäre dieser Verbände re­cherchieren zu lassen.
  • 2007 findet das alljährliche Deutschlandtreffen der Vertriebenen statt: „Die deutschen Ostgebiete sind Polen nur zur Veraltung übertragen worden.“ Rechtsextreme Schriften und CD’s wurden verbreitet.3
  • 1998 reklamiert Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche ein „Recht zum Wegsehen und Weghören“, wenn es um die NS-Zeit geht. Er spricht von der „Moralkeule“.4
  • 2006 wird in Schwerin die Breker-Ausstellung eröffnet. Arno Breker war der Lieblingsbildhauer Hitlers und versinnbildlichte mit seinen Werken den Wahn vom Herrenmenschen. Klaus Staeck nennt ihn den „Dekorateur der Barbarei“. Auffällig, wie viele Vertreter des Bil­dungsbürgertums diese Ausstellung gerechtfertigt haben. Wie lange wird es dauern, bis auch Albert Speer, dem Lieblingsarchitekten Hitlers, eine Ausstellung gewidmet wird? In „Der Un­tergang“ (B. Eichinger) ist dazu ja schon Vorarbeit geleistet worden.
  • 2006 bedauert Matthias Matussek, Kulturchef des „Spiegel“, „keiner wagte auch nur den Gedanken, dass Hitler ein Freak-Unfall der Deutschen war“. Er gibt u.a. den Linken Schuld, dass es immer wieder ums Dritte Reich geht, wenn von deutscher Geschichte die Rede ist.(( Der Tagesspiegel vom 31.5.06))
  • 2006 verlangt Rafael Seligmann in einer Patriotismus-Diskussion: „Man muss bereit sein, sich für seine Heimat totschlagen zu lassen. Ein Staat, dessen Männer nicht bereit sind, für ihr Vaterland zu sterben, wird untergehen.“5
  • © K. Stuttmann

    2006 trifft Nobelpreisträger Günter Grass mit dem Bekenntnis, in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, bei vielen Meinungsmachern auf wohlwollendes Verständnis. Mitgliedschaft und Verschweigen werden heute wieder schnell exkulpiert, ja sogar gebilligt. Sind die in der Studie „Schulen im Nationalsozialismus“6 dokumentierten Fakten dann nicht auch nur nichtige, vergessenswerte Petitessen?

  • 2006 wirbt der rechtskonservative Historiker Arnulf Baring in einer Reihe der CDU zu „Eckpfeilern einer bürgerlichen Leitkultur“ für mehr Patriotismus. Die Nazi-Diktatur sei nur „eine beklagenswerte Entgleisung“ gewesen. Hitler habe bis 1938 eine „Konsolidierung“ des Landes geleistet. Die Judenvernichtung als Verbrechen sei nicht „einzigartig und unvergleichbar“. Die Gewalttaten heutiger Rechtsextremisten sieht er nicht als neonazistisch motiviert …

Das Publikum klatschte lange. Der CDU-Fraktionschef im hessischen Landtag Wagner äußerte sich höchst zufrieden:

Baring habe „Meinungen artikuliert, die überhaupt vor zehn, 20 Jahren noch gar nicht zugelassen waren im öffentlichen Bereich“, und „vielen aus dem Herzen gesprochen“. Wagner leitet in der CDU-Programmdebatte auf Bundesebene den Bereich Innen und Recht.7

„Beunruhigend ist, wie begeistert Wagner war. Erschütternd, wie die Christdemokraten im Publikum den Redner geradezu anflehten, sich immer weiter vom Konsens der De­mokraten zu entfernen. Wagner steht in seiner Partei nicht allein am rechten Rand.“8

  • Nach mehrjährigem Rechtsstreit stellt ein Gericht im April 2007 fest, dass ein Geschichtslehrer am Gymnasium Steglitz (Berlin) zumindest „leichtfertig den Verdacht erweckte, ein Rechtsextremist zu sein“.

Der Lehrer konnte über viele Jahre in seinem Unterricht ungestört die Verbrechen der NS-Zeit verharmlosen und verfälschen. Auch in außerunterrichtlichen Vorträgen und Schriften hat er seine rechtsextremen Positionen verbreitet.
Engagierten Schülerinnen und Schülern, insbesondere aber einer einflussreichen Elterninitiative dieses Gymnasiums ist es zu verdanken, dass die Schulbehörde schließlich gegen diesen Lehrer vorging.9

  • Juli 2007: Nach Berichten des verfassungsschutzpolitischen Sprechers der Berliner SPD-Fraktion hat Rolf Reuter seit Jahren enge, regelmäßige und unterstützende Kontakte zu rechtsextremen Kreisen. Auch Reuter trägt damit dazu bei, den Rechtsextremismus salonfähig zu machen.

Reuter war bereits im Kulturleben der ehemaligen DDR ein Aushängeschild. Ob er SED-Mitglied war und ob bzw. wie er dem DDR-Staat zugearbeitet hat, ist bisher noch unklar.

Reuter ist seit 2000 Träger des Bundesverdienstkreuzes in Gold.

Reuter war bis 1993 Generalmusikdirektor der Komischen Oper in Berlin.

Reuter ist noch immer Honorarprofessor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

Inzwischen hat Reuter einige seiner Kontakte zu rechtsextremen Kreisen zugegeben. Er sieht sich aber selbstverständlich noch immer als Opfer einer intriganten Hetzjagd.

Dass der in rechtsextremen Kreise leidlich bekannte Andreas Röhler zu den ersten Verteidigern Reuters zählt, ist nicht verwunderlich.

  • August 2007: Der ehemalige Waldorflehrer Molau (NPD) plant in Rauen (Brandenburg) ein „Schulungszentrum“ der NPD. Als „Waldorflandschulheim“ wird ein Institut vorbereitet, das gezielt eine „exklusive Intellektualisierung der Nationaldemokraten“10 anstrebt. „Bildungseinrichtungen mit Projekten im nationalen Bereich“ sollen geschaffen werden. Das Schulungszentrum, mit Einschränkung vergleichbar mit Weikersheim, plant, „der NPD über nahe stehende Vereinigungen intellektuelle Potenziale zuzuführen“.11

Man darf gespannt sein, welche Vertreter der politischen und kulturellen Eliten sich in Rauen ihren Nebenverdienst erwerben - selbstverständlich ohne die politischen Ziele der NPD zu unterstützen und ohne historische Bezüge.

  • Auf anderer Ebene liefert auch Eva Herman12 mit ihrem jetzt allerorten propagierten Frauenbild einen Beitrag zur „Neuen Leitkultur“. Alte Rollenklischees werden dabei aktualisiert. Sie beklagt – wie viele andere Leitkulturler – den durch die 68er bewirkten „Werteverfall“ und stellt historische Bezüge her, nämlich dass „Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die Achtundsechziger abgeschafft wurden. Vieles, was in dieser Zeit hochgehalten wurde, wurde danach abgeschafft.“ „Im ,Dritten Reich’ sei vieles sehr schlecht gewesen … aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter“.13
    Eva Herman hatte auch einen Besuch bei der rechtslastigen FPÖ in Österreich vorbereitet.
  • Kardinal Meisner predigt anlässlich einer Museumseröffnung in Köln: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet …“14
  • Der Kabarettist und Reporter Manes Meckenstock macht sich über eine TV-Moderatorin lustig: „Wenn ich [ ... ] sehe, bedaure ich, dass es die Nürnberger Rassengesetze nicht mehr gibt.“15
  • 3. Oktober 2007: In der Berliner Philharmonie wird die Kantate „Von deutscher Seele“ von Hans Pfitzner aufgeführt. „Nicht nur, dass der Komponist sich … gegen ‘zersetzenden jüdisch-internationalen Geist’ auflehnte, dass er 1944 dem Generalgouverneur von Polen, der später den Beinamen ‘Polenschlächter’ erhielt, eine ‘Krakauer Begrüßung’ widmete – nein, Pfitzner blieb auch nach dem Krieg unbelehrbar: ‘Hitler wollte sein Vaterland wieder stark und frei machen & darüberhinaus noch Europa einen großen Dienst erweisen, indem er alle Juden aus ihm vertriebe & wenn es sein musste, radikal ausrotten wollte.’“ Egon Bahr, die graue SPD-Eminenz, rechtfertigt die Aufführung zum „Nationalfeiertag der Deutschen“.16
  1. zit. nach W. Gessenharter in: Der Tagesspiegel vom 7.11.03 []
  2. zuletzt z. B. Jörg Friedrich, Der Brand …, München, 2002 []
  3. Der Tagesspiegel vom 2.7.07 []
  4. abgedruckt in: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, 1998, Martin Walser. Ansprachen aus Anlaß der Verleihung, Frankfurt/Main 1998 []
  5. Der Tagesspiegel vom 21.6.06 []
  6. Schulen im Nationalsozialismus []
  7.  Frankfurter Rundschau vom 16.9.06 []
  8. Pitt von Bebenburg, Kommentar, FR, 16.9.06 []
  9. div. Pressemitteilungen []
  10.  Frank Jansen, in Der Tagesspiegel vom 1.8.07 []
  11. Frank Jansen, a.a.O. []
  12.  Eva Herman, Das Eva–Prinzip, Für eine neue Weiblichkeit, Pendo Verlag GmbH, 2006 []
  13. Diverse Presseveröffentlichungen, z. B. FAZ vom 10.9.07 und Der Tagesspiegel vom 10.9.07 []
  14. Kardinal Meisner []
  15. Manes Meckenstock []
  16. Diverse Presseveröffentlichungen, z.B. Der Tagesspiegel vom 4.10.07 []
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Thema: Neue Leitkultur?

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Ein Kommentar

  1. Dass Kultur nicht verbindlich festgelegt werden kann, hat in dieser Woche Simone Lässig im Tagesspiegel unter dem Titel “Viele Geschichten in einem Europa” für mich trefflich beschrieben.

    Debei betonte sie einen Zusammenhang, der in der Argumentation verantwortlicher Politikerinnen und Politiker gerne schnell außer Acht gelassen wird:

    “Mit jedem Versuch einer historischen Legitimierung verbindet sich […] die Tendenz zur Ausgrenzung.” Diese Tendenz ist meines Erachtens die Wurzel jedweder fremdenfeindlicher Strömung. Der Extremismus nur die Spitze des Eisbergs.

    Um so bedauerlicher, dass Kultur oft nicht als Teil gesellschaftlicher Ökonomie begriffen wird, sondern als leitende Größe der oberen Zehntausend.

    “Die Gesellschaft ist (jedoch) kein 2000-Teile-Puzzle”, wie monochrome aus Wien kürzlich beim 9to5 Festival Camp zum Besten gab.

    Wer eine Leitkultur propagiert, gesellt sich kulturell zu den Nationalisten. Dies zu begreifen braucht mehr, als etwa ein Studium der Sozialwissen- oder Volkswirtschaft. Es braucht vor allem Menschenrechtsbildung. Wer hier Nachholbedarf hat, der schlage z.B. Artikel 1 der Menschenrechtkonvention nach: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.” (Quelle: http://www.unhchr.ch/udhr/lang/ger.htm)

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