Drei Finger
Dienstag, 28. August 2007 | Autor: peno
Der Karikaturist Klaus Stuttmann kommentiert mit dem Zeichenstift Reaktionen auf rechtsradikale Gewaltexzesse: medienwirksam und pflichtgemäß vorgetragene Vorwürfe. Die an Gebetsmühlen erinnernden Schnellrezepte vieler politischer Würdenträger werden die NPD und ihre Straßengangs kaum verunsichern.

Auffällig in der Karikatur sind drei Finger. Finger, die neben den ausgestreckten, jeweils die Anderen aufspießenden Zeigefingern auf die eigene Person zeigen. Es sind viele Finger, die auf die Mitverantwortung etlicher Vertreter der politischen und kulturellen Eliten weisen. Die Karikatur deutet die Bigotterie dieser Eliten an.
Das nicht selten im national-/rechtskonservativen Denken dieser Eliten verankerte, geschichtlich verwurzelte und neokonservativ aktualisierte Verhalten nährt die rechtsradikalen Exzesse dumpfer Stiefelträger - nicht direkt und nicht immer unmittelbar, aber über einige kaum kalkulierbare Umwege. Max Frisch hat schon 1958 dafür den treffenden Begriff “Biedermann” geprägt.
Als “Neue Leitkulturler” hoffen heutige Biedermänner, dass die drei anderen Finger unbemerkt bleiben. Drei Finger, die zurück weisen. Zurück in vergangen geglaubte Zeiten. Zurück in einen Sumpf, in dem sich dann auch Neonazis tummeln können. Neonazis tragen ja nicht Schlips und Kragen wie die Biedermänner, sondern Stiefel. Stiefelträger kommen in die Schlagzeien und erregen Entsetzen. Die akademisch und politisch ausgebildeten Ideologen der ”Neuen Leitkultur” liefern sodann den Medien wortgewaltige Scheingefechte - mit ihrem Zeigefinger.
Die NPD scheint das erkannt zu haben und reagiert: Schulungszentren, Garderobenwechsel, neues Outfit … Marsch in die Salons der bürgerlichen Eliten. Die Hoffnung der NPD, dass sie zunächst wenigstens einige ihre Ziele erreichen wird, ist nicht unbegründet. Schäuble, Beckstein, Huber und viele Andere zeigen bereits jetzt Wirkung.
Über ein neues Parteiverbotsverfahren kann die NPD - nicht ganz zu Unrecht - schmunzeln. Ein Parteiverbot kann temporär den weiteren Parteiaufbau behindern, für das nachhaltige Wirken der rechtskonservativen Ideologie ist das Verbot ziemlich unwirksam - zumal die NPD sehr schnell und finanzkräftig andere Organisationsstrukturen entwickeln kann. Ein neues Outfit ist rasch gefunden.
Auch NSDAP und SRP haben sich nach ihren Verboten (1945/1952) schnell der Verbotssituation anpassen können … Ihre Ideologien und viele ihrer Mitglieder fanden Aufnahme in anderen Organisationen, später dann in der NPD.
Die Bundesrepublik gewährte und ermöglichte auch nach den Parteiverboten so manch einem NS-Täter den Einmarsch in die Klasse gesellschaftlicher Honoratioren und den Durchmarsch durch die staatlichen Institutionen.


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.




Dienstag, 28. August 2007
Ich komme nicht umhin, einen Kommentar zu hinterlassen. Die Einschätzung kann besser nicht sein, so schwer begreifbar sie auch scheint.
Jeder ausgestreckte Finger deutet auf den Anzeigenden hin. Es sind nicht Parteien, die Verboten werden können - Menschen müssten es sein. Doch wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über einen anderen leisten darf?
Nur in der Akzeptanz des Anderen und der Solidarität zu jenem liegt die Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme. Die Themen sind vielfältig: Von Börsenspekulation, Alters- und Kinderarmut, über Umweltschutz, Mobilität und Klimawandel, bis hin zu Fremdenfeindlichkeit, Trostlosigkeit und Ignoranz. Wer die Zusammenhänge nicht begreifen will, muss sich Zynismus vorwerfen - der zu all dem erst führt.
Wer Verbote fordert, sollte sich in Genügsamkeit üben. Die ewige Frage nach der Schuld des Anderen könnte sich damit in Scham für sich selbst verwandeln. Extremisten unterscheiden sich hier nicht von der selbsternannte Mitte der Gesellschaft. Ein Verbot wäre überflüssig. Weg von bodenlosem Wachstum und Ausbeutung, hin zu bodenständiger Lebensqualität. Weg vom eingebildeten Kleinbürgertum, hin zu einer gerechten Gestaltung der globalen Gesellschaft.