Doof! … Entschuldigung
Samstag, 10. Oktober 2009 | Autor: peno
Der Trick ist ganz einfach: Du bist doof …Flennen … Entschuldigung … War nicht so gemeint … Wollte dich nicht beleidigen … Alles wieder gut … Wer kennt dieses Szenario nicht aus eigener Kindheit? Welcher aufmerksame Zeitgenosse kennt nicht dieses in den Grundzügen immer gleiche Ritual?
Mindestens einmal pro Woche drängt es erlauchte Vertreter deutscher Eliten, die Diskussion zu ernsten Problemen mit undifferenzierten, dumm-dreisten Äußerungen zu belasten. Entschuldigungsrunden sind dabei einkalkuliert; sie kosten ja nichts und schaden auch nicht. Diese Typen sichern sich Karriere fördernde, doppelte Aufmerksamkeit: Eklat und Entschuldigungsfloskeln, beides medienwirksam inszeniert. Dieses Verfahren scheint immer beliebter, immer erfolgreicher zu werden.

Neuestes Beispiel gibt der von den SPD-Oberen nach Berlin gerufene Finanzsenator Dr. Thilo Sarrazin. Sarrazin wurde zu Beginn dieses Jahres nach etlichen Pöbeleien in Berlin von der SPD quasi als Belohnung in den Vorstand der Deutschen Bundesbank geschickt. Dort schlüpfte er sehr schnell in die Rolle des „Provokateurs“ und erwarb sich ohne große Mühe den Titel „Der Brandstifter von der Bundesbank“.1
Ohne nachvollziehbaren Zusammenhang, ohne Sachbezug verkündet der smarte Bundesbänker Dr. Thilo Sarrazin (SPD):
„70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin lehnen den deutschen Staat ab … Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel … Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt … und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. … Ständig würden Bräute nachgeliefert“.
In den 70er und 80er Jahren hieß es in nationalkonservativen, rechtslastigen Kreisen „Das (deutsche) Boot ist voll!“. Heute skandiert Thilo Sarrazin „kein Zuzug mehr!“ und gibt damit den deutschen Stammtischen die Diskussionsvorlagen. In dieser sprachlichen Kurzform als Leitparole auch für den nächsten NPD-Wahlkampf gut geeignet. Aber – wie zu erwarten – finden sich auf Sarrazins Seite auch Leute, die in den Äußerungen Sarrazins allenfalls ein Sprachproblem sehen, wie etwa Ralph Giordano oder natürlich auch H. M. Broder.
Weitere Sarrazin-Parolen dieser Art findet man in der Zeitschrift „Lettre International“.
Sarrazin hat mit seinen unsachlichen Äußerungen großen Protest ausgelöst. Er musste zu dem in solchen Fällen bewährten Rezept greifen:
Er habe einzelne Volksgruppen nicht diskreditieren wollen. „Sollte dieser Eindruck entstanden sein (!),bedauere ich dies sehr und entschuldige mich dafür“.2
Nein, ein Dr. Sarrazin hat wirklich nicht ahnen können, dass „möglicherweise, eventuell“ durch seine Äußerungen ein falscher Eindruck entstehen konnte! Sozialdemokratischen Bundesbänkern ist eine solche Sensibilität abhanden gekommen.
Sarrazin weiß, auch nach Rücknahmen und Entschuldigungsfloskeln bleibt immer etwas hängen. Dafür sind Stammtische und rechte Parteien sehr dankbar.
Die nächste Bonus-Zahlung ist dem Bundesbänker sicher. Sicher ist uns die nächste Beleidigung mit Entschuldigungsanhang.
Nachtrag:
Es bleibt abzuwarten, ob Justitia ihre Augenbinde zu Recht trägt, d.h. ob sie im Falle Sarrazin ähnliche Maßstäbe anlegt wie etwa im „Emmely-Fall“ oder jetzt im „Chef-Brötchen-Fall“.3
Wie auch immer entschieden wird: Ein Mann wie Sarrazin fällt sicherlich in ein warmes, weiches Nest. Er wird also nicht mit Obst und Gemüse handeln müssen.
- Der Tagesspiegel vom 2.10.09 [↩]
- Der Tagesspiegel vom 2.10.09 [↩]
- -> Der Tagesspiegel vom 9.10.09, dort auf Seite 17 - “Das verbotene Brötchen“ - weitere Beispielfälle [↩]


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.



