Ceterum censeo … (5)

Sonntag, 18. Mai 2008 |  Autor: peno

„Es gibt keinen Weg um die Geschichte herum, sondern nur durch die Geschichte.“ (Karl Jaspers)

Vor 75 Jahren begann die Nazi-Herrschaft:

  • Konzentrationslager werden gebaut.
  • Entrechtung, Verfolgungen beginnen.
  • Bücherverbrennungen.
  • Boykott-Aufrufe.
  • Aufmärsche, Jubelveranstaltungen …

Die bildungsbürgerlichen Bezirke Steglitz und Zehlendorf waren „Hochburgen der Rechten“.

Eine Studie zur Mitverantwortung der Bildungseliten in den damaligen Berliner Gymnasien/Oberschulen fehlt noch immer. Es wäre zu prüfen, inwieweit für Berliner Gymnasien/Oberschulen verallgemeinert werden kann, was ein Steglitzer Schulleiter damals verkündet hat:

gymsteg.jpg„Das Steglitzer Gymnasium ist nur ein kleiner Teil in dem großen Organismus völkischer Schaffenskraft …, aber es hat sich von niemand übertreffen lassen in seinem starken Willen zu vaterländischem Tun … Darum wird es sich auch in der neuen Zeit bewähren, weil es sich bewähren will.“1

In den Homepages der meisten Berliner Gymnasien wird die NS-Zeit verharmlost.

Andere Bereiche werden heute weit weniger tabuisiert:

  • Die NS-Verstrickung Berliner Wissenschaftseinrichtungen ist inzwischen erarbeitet worden. Auch die Frage, wie diese Wissenschaftseinrichtungen heute ihre NS-Geschichte aufgearbeitet haben.
  • Das Berliner Philharmonische Orchester hat jetzt seine Vergangenheit als „Reichsorchester“ untersuchen lassen.
  • Biografien und Filmdokumentationen zeigen, dass die Scheu vor dem Blick in die NS-Verstrickung auch der eigenen Familien weitgehend überwunden ist.
  • Bundesligavereine haben ihre braune Vergangenheit untersuchen und darstellen lassen.
  • Großkonzerne haben der NS-Forschung ihre Archive zugänglich gemacht.
  • Die Industriellenfamilie Quandt (BMW …) hat jetzt ihre NS-Geschichte erarbeiten lassen: „Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte … noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen.“2
  • Das Bundesverkehrsministerium hat jetzt die NS-Geschichte seines Vorgängers, des Reichsverkehrsministeriums, erforschen lassen: „Das Reichsverkehrsministerium war mit hunderten Erlassen an allen Schritten der Ausgrenzung und Vernichtung von Juden beteiligt, hat ein ein Forschungsgutachten im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums ergeben.“3
  • Eine neue Veröffentlichung4 informiert über die NS-Vergangenheit der Berliner und Brandenburger Finanzbehörden.
  • Ende 2008 wird der Abschlussbericht einer Historikerkommission zeigen, wie tief das Auswärtige Amt in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt war.

Ceterum censeo: „75 Jahre danach“ müssen gesellschaftliche Widerstände bei der Darstellung der NS-Vergangenheit der Berliner Gymnasien/Oberschulen überwunden werden. Auch das muss in die heutigen Aufklärungsprogramme gegen das ständige Vordringen rechtsextremer Tendenzen eingehen.

„Wer über die Geschichte einer Schule schreibt, schreibt auch über die deutsche Geschichte und kann nicht die Jahre 1918, 1933 und 1945 außer acht lassen.“ (W. Spencker)

  1. Gymnasium Steglitz []
  2. Der Tagesspiegel vom 6.10.07 []
  3. Der Tagesspiegel vom 19.12.07 []
  4. M. Friedenberger, Die Berliner Steuer- und Finanzverwaltung und die fiskalische Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung 1933 – 1945, Berlin, 2008 []
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Thema: Schule und Bildung

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