Der in „Verfassungsänderung: Kultur“ skizzierte Entwurf einer Verfassungsänderung ist zurück gestellt. Der Entwurf musste den Religionsgemeinschaften noch einmal zugeleitet werden. Geistliche Predigten über Kunst, Kultus und Kultur, Buchveröffentlichungen, Grundstücksverkäufe und die Schrift der EKD „Klarheit und gute Nachbarschaft“ haben erneut Klärungsbedarf zu theologischen Grundsatzfragen ausgelöst:
- Wer ist GOTT, DER HERR?
- Kann der Gott der einen Religion zugleich auch der Gott anderer Religionen sein?
Christen: „Der Gott der Christen ist ein dreifaltiger Gott.“
Muslime: „Der Gott der Muslime ist nicht der Gott der Christen.“
Juden: „Der Unaussprechliche ist weder der Gott der Christen noch der Gott der Muslime.“
Der buddhistische Dalai Lama hält sich in dieser Frage noch bedeckt.
- Welche Religionsgemeinschaft darf an eine anders gläubige Religionsgemeinschaft Grundstücke verkaufen?
- Welche Religionsgemeinschaft hat Anspruch auf die höchsten Kirchtürme?
- Welche Kirchenfenster sind mit welchem Religionsverständnis kompatibel?
- Können sich die Religionsgemeinschaften auf ein einheitliches Kultur-, Kunst- und Freiheitsverständnis einigen?
- Wie können in deutschen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen Evolutionismus und Kreationismus verbunden werden. Bundesaußen- und Bundesverteidigungsminister wollen hierbei auch die globalen Verflechtungen Deutschlands berücksichtigt sehen.
- Können die Religionsgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland erfolgreich einen neuen „Kulturkampf“ führen? Der Bundesinnenminister muss zu Rate gezogen werden.
- Kann mit einem Kulturkampf von anderen Problemen nachhaltig abgelenkt werden? Dazu muss auch das Votum des Bundesarbeitsministers eingeholt werden.
Die Beratungen werden schwierig. Bis jetzt gelang es noch nicht einmal den Christen, die sich unter dem Mantel des abendländischen Christentums verbergenden Uneinigkeiten in Fragen des Glaubens und des Ritus zu beseitigen. Noch immer steht einer Einigung der jeweils reklamierte Alleinvertretungsanspruch im Wege. Das von BILD ausgerufene Axiom „Wir sind Papst“ wird nicht von Allen anerkannt. Aber in einzelnen Punkten will man sich nun zur Wahrheitsfindung an einem salomonischen Verfahren orientieren, das Bert Brecht in seinem „Kreidekreis“ erfolgreich anwenden ließ.
Zuvor sollen aber noch die Beratungsergebnisse einer Kommission abgewartet werden, die untersucht, ob und gegebenenfalls in welchem Maße zivile, säkulare Gesellschaften ohne religiöse, nicht nur im Einzelfall zu Kontroversen führende Einbindungen ihre sittlichen und grundrechtlich geschützten Werteorientierungen verlieren müssen. Die Kommission will dabei auch historische und globale Aspekte berücksichtigen. Ziel der Kommission sei es, einen „Kampf der Religionen“ bestmöglich zu vermeiden.
In ihrem Zwischenbericht schlägt die Kommission vor, die Religionsgemeinschaften sollten ihre eigenständigen Institutionalisierungen mit ihren gegeneinander gerichteten Orthodoxien aufgeben. Sie sollten ihre theologischen, moralischen und finanziellen Ressourcen besser zur Durchsetzung und Realisierung eines Rechts auf menschenwürdige Arbeit als weltweit geltendes Menschenrecht nutzen. Damit könnten nationale und/oder internationale Konfliktpotenziale zwar nicht beseitigt, wohl aber deutlich gemindert werden.
Die Kommission teilt die Sorgen des britischen Biologen Richard Dawkins:
„Ich bin besonders besorgt, was die Indoktrination der Kinder durch die Kirchen angeht. Vor allem aber darüber, wie bereits Fünfjährige von den Religionen mit Etiketten wie ‘Muslim’, ‘Christ’ oder ‘Jude’ versehen werden.“