Tapferkeit

Samstag, 29. November 2008 | Autor: peno

Der Altrömer Horaz überlieferte den noch im 20. Jahrhundert gern und häufig zitierten Spruch: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“
Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung fügte soeben - ein wenig unzeitgemäß - hinzu:

120px-soldatenfriedhof_-_rheinberg_war_cemetery_-_gedenkstein.jpg„Die Forderung nach Tapferkeit schließt auch die Bereitschaft ein, das Teuerste zu geben was man hat, das eigene Leben.“

Na, das beruhigt. Wir können zukünftig in Ruhe Zeitung lesen und Kaffee trinken. Denn wir haben doch gewisslich ein „tapferes Schneiderlein“ als Verteidigungsminister…
Dazu passt dann auch die bittere Mahnung eines anderen tapferen Streiters,  Rafael Seligmann:
„Ein Staat, dessen Männer nicht bereit sind, für ihr Vaterland zu sterben, wird untergehen.“
Welch altbekannte Töne …
Da lob’ ich mir doch den us-amerikanischen Soldier A. Shepherd, der einer potentiellen Ehrung in einem militärischen Ehrengrabmal die Desertation vorgezogen hat. Hinreichend viele Desertationen („… Krieg … und keiner geht hin…“) machen die Ehrenmale überflüssig.
PS:
Zweifel schieben sich in das Tapferkeitsverständnis der Altvorderen:
Ist es wirklich ein Zeichen von Tapferkeit, z.B. nicht mehr rechtzeitig aus einem abstürzenden Starfighter springen zu können? In fernen Landen in die Luft gesprengt zu werden? Bei einem Panzermanöver oder Hubschraubereinsatz zu Tode zu kommen?
Muss nicht auch den todesmutig (tapfer?) rasenden und dann tödlich verunglückten 120px-old_cars.jpgAutofahrern ein Ehrenmal gebaut werden. Den Verunglückten dürfte es ja wohl egal sein, ob sie durch einen Porsche oder durch einen Schützenpanzer getötet wurden, aus unverantwortlichem Leichtsinn oder „im Auftrag des Vaterlandes“ (auf Befehl einiger Kriegsidioten) gestorben sind. Vermutlich haben sie alle ihren Tod weder als süß noch als ehrenvoll, auch nicht als tapfere Leistung empfunden.
Der Anspruch zumindest auf Ehrenplaketten kann jedenfalls auch den verstorbenen Raucherinnen und Rauchern nicht aberkannt werden. Schließlich haben sie seit rot-grünen Zeiten qua Tabaksteuererhöhung für den Frieden und/oder gegen den Terrorismus geraucht …

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Bundeswehr-Ehrenmal

Montag, 15. Oktober 2007 | Autor: peno

Die deutschen Rüstungsexporte expandieren. Das hilft der Wirtschaft. Zunehmende Soldatenexporte bringen den Verteidigungsminister in immer dringlicher werdende Handlungszwänge. Er will alsbald ein öffentliches Zeichen setzen. Am Volkstrauertag (!) 2007 will er sich medial in Szene setzen und den Grundstein für ein Ehrenmal legen:

„Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit.“

Das von Andreas Meck millionenschwer entworfene Monument ist ziemlich geheim gehalten worden. Eine öffentliche Diskussion war offensichtlich nicht erwünscht. Dennoch regt sich Widerstand. Mehr als 90 HistorikerInnen/KunsthistorikerInnen protestieren in einem Offenen Brief an die Bundesregierung :

„… Eine Übernahme der Bildformeln des nationalen Totenkults, der Kriegerdenkmäler aus dem 19. und 20. Jahrhundert, halten wir für nicht akzeptabel. Wir lehnen jede sakrale Überhöhung des Soldatentods ab - besonders dann, wenn sie im Namen demokratischer Werte erfolgt. Und genau dies tut der zur Verwirklichung ausgewählte Entwurf, der mit Raumschale, Cella und Steinaltar … die Heiligung und Belohnung des Soldatentods durch den Aufstieg zum Licht über dem Altar des Vaterlandes impliziert …“

Deutschland hat genug „Ehrenmale“ für den angeordneten und/oder kollateral einkalkulierten Soldatentod. Ehrenmale trocknen keine Tränen. Ehrenmale können die Befehlsgeber nicht aus ihrer Verantwortung retten!

Hier eine kleine Auswahl der „Ehrenmale“ in heutigen Berliner Gymnasien1:

arndt-gymnasium.jpgArndt-Gymnasium: Vor der Aula eine Marmortafel: „Unsere Gefallenen von 1914 bis 1921“, davor: Soldatenkopf mit Helm auf einer Stele. Eine Holztafel in der Aula gedenkt der über 500 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schüler.

Anfang der 50er Jahre wurde die Inschrift geändert: „Den Arndtern, die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden. Den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Mahnung“

gymnasium-steglitz.jpgGymnasium Steglitz: „Dem Gedächtnis unserer Gefallenen“ „Es starben für das Vaterland“

Mit Hinweis auf diese „Ehrentafel“ verkündete 1936 der Schulleiter in einer Festrede:

„Dann werdet Ihr auch in den beiden letzten und höchsten deutschen Tugenden, der Opferbereitschaft und Todesverachtung, nie versagen, so wie man es Euern Kameraden hier nachgerühmt hat, … deren Namen Euch täglich von der Ehrentafel herab im ersten Stock unserer Schule mahnend grüßen …“

lilienthal-gymnasium.jpgLilienthal Gymnasium: Aufwändig geschnitzte Holztafel: „Dem Gedächtnis unserer für das Vaterland 1914 – 1918 gefallenen Lehrer und Schüler“, „Ein Beispiel hab’ ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe. Joh.13“

Dazu erklärte die Lehrerschaft in den 80er Jahren: „Diese Gedenktafel … ist Ausdruck der politischen und ideologischen Verhältnisse dieser Zeit, wie auch das in diesem Zusammenhang missbrauchte und dadurch gefährliche Bibelwort zeigt. Diese Toten waren Opfer einer verantwortungslosen Politik. Ihr Sterben und die Tafel … seien Mahnung und Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen und alles zu tun, den Frieden zu erhalten.“

paulsen-gymnasium.jpgPaulsen Gymnasium: Große, auffällig gestaltete Holztafel (darüber ein Helm mit Eichenlaub): „Es starben für das Vaterland“, „Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht“, „Unseren Gefallenen 1939 – 1945“

Die gestalterischen Formen dieser Ehrenmale sind zeitgemäß. Bildformeln, Aussagekraft, inhaltliche Kerngedanken sollen – wie die o.g. Kritiker befürchten – in dem jetzt von der Bundesregierung geplanten Ehrenmal übernommen werden. Parlamentarischer Widerstand ist nicht bekannt geworden.

Wie viele Ehrenmale wird Deutschland noch brauchen, um Politikern und Generälen öffentlich zelebrierte Kranzniederlegungen zu ermöglichen?

„Sag’ wo die Soldaten sind … wo sind sie geblieben?“ Ein Ehrenmal kann die Antwort nicht geben.

„Wann wird man je versteh’n …?“ Ein Ehrenmal wird die Antwort nicht geben.

„Blowing in the wind“: Hoffentlich auch bald die Tradition des „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“ (Horaz)

  1. Gedenktafeln in Berliner Gymnasien []

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Japanischer Patriotismus

Freitag, 15. Juni 2007 | Autor: peno

Japan – zur Hitlerzeit die dritte Achsenmacht – hat seit Jahrzehnten Probleme mit seiner kulturellen Identität. Die Geschichte belastet noch heute das Nationalbewusstsein.

Zur Zeit findet in Japan ein Prozess statt, der trotz vieler Ungleichheiten eben doch auch Ähnlichkeiten mit den in Deutschland erkennbaren Restaurationsversuchen hat, über eine „Neue Leitkultur“ zu einer neuen nationalen Identität zu kommen.
Wie in Deutschland, so versuchen in Japan die politischen Eliten des nationalkonservativen Lagers die nationale Geschichte umzuschreiben, zu entsorgen und damit für die Herausbildung eines neuen Nationalbewusstseins nutzbar zu machen.1

Das deutsche Leitmotiv „Wir wollen endlich wieder stolz sein dürfen“ findet in Japan sein Pendant in dem vom dortigen Ministerpräsidenten Abe ausgerufenen Motto:

„Jetzt gilt es, unseren Stolz zu heilen“.

Seine Maßnahmen etikettiert Abe als „Reformen“!
Er will damit die Konjunktur ankurbeln.
Die zunehmende Zahl der Schülerselbstmorde soll begrenzt werden!

Zu seinen „Reformen“ zählen:

  • Die Geschichte Japans belastende Fakten sollen aus den Schulbüchern entfernt werden.
  • Neue Gesetze sollen „eine Haltung der Liebe zu unserem Land und unserer Heimat“ als Erziehungsziel festschreiben.
  • Prinzipien der „alten Schulerziehung“ sollen wiederbelebt werden.
  • Schulnoten für „Vaterlandsliebe“ sollen vergeben werden.
  • Absingen der Nationalhymne und Ehrung der Nationalfahne sollen eine neue japanische Leitkultur flankieren.

Es wird wohl nicht lange dauern, bis es den nationalkonservativen Eliten auch in Deutschland gelungen ist, ihre Ideologie über den Gesetzgeber festzuschreiben. Nicht ganz erfolglose Versuche sind bereits in “Neue Leitkultur” erkennbar.

  1. dazu: Finn Mayer-Kuckuk, Japans kleine Patrioten, in: Der Tagesspiegel vom 29.5.07 []

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