Aktuelle Untersuchungen: Die Mitte
Mittwoch, 8. August 2007 | Autor: peno
Bereits Anfang der 90er Jahre warnte „Die Zeit“:
Die Gefahr kommt aus der bürgerlichen Mitte, aus den Schichten politischer und bildungsbürgerlicher Eliten.
Das gilt auch heute noch – auch wenn die Auswirkungen und Zusammenhänge nur selten punktgenau und konkret nachweisbar sind.
Seit Beginn der 90er Jahre weiten sich rechtsradikale Anschläge aus: Tote, Verletzte, Zerstörungen. Eine ausführliche Dokumentation gibt Frank Jansen in: „Der Tagesspiegel“, Sonderdruck, Januar 2001. Der regierungsamtlich wiederholt ausgerufene „Aufstand der Anständigen“ führte zwar zu Reden, Lichterketten, Mahnwachen, Luftballons …, konnte aber eine Zunahme der Gewalttaten nicht verhindern.1
- Rechtsradikale Parteien gewinnen bei Wahlen immer mehr Stimmen: Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin. Wahlkampfveranstaltungen wurden massiv gestört … Wähler und Sympathisanten können dabei nicht einfach nur als „Protestwähler“ bezeichnet werden.
- Statistiken der Polizei und der Innenministerien (zumeist verfälschend und unvollständig!) vermerken Jahr für Jahr eine Zunahme rassistisch, insbesondere antisemitisch motivierter Gewalttaten.2
- Das Bundesinnenministerium vermerkt im Oktober 2006 gegenüber 2004 einen Anstieg rechter Straftaten um 50%.3 Der Trend hält unvermindert an.
Gesamtverantwortung und Täterschaft werden regelmäßig und mit hohem moralischen Aufwand den Springerstiefel tragenden underdogs zugeschrieben. Das aber ist zu kurz gegriffen.
- Untersuchungen aus den letzten Jahren belegen immer deutlicher, dass Rechtsextremismus und autoritäre Einstellungen in der bürgerlichen Mitte auch heute noch fest verankert sind.4
- Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus haben erneut zugenommen. Die undifferenzierte, in der Grundhaltung aber zumindest bei Älteren oft antisemitische „Schlussstrich-Mentalität findet sich bei ca. 70% der Deutschen.5
- Wilhelm Heitmeyer bestätigt in seiner neuen Studie „Deutsche Zustände“ (2006), dass die „Mitte der Gesellschaft“ inzwischen sehr stabil rechtextreme Gedanken akzeptiert. Er stellt „zunehmende Normalisierungen antidemokratischer Auffassungen“ fest.
- Aus einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Rechtsextreme Einstellung ist ein Problem in der Mitte der Gesellschaft, keines des Randes oder bestimmter Altersgruppen … Rechtsextremismus ist vor allen Dingen kein Individualproblem, sondern ein gesellschaftliches … Über den Rechtsextremismus kann man nicht ohne die Bereitschaft reden, auch die Verfasstheit dieser Gesellschaft zu thematisieren. …“6
Die Studie ist überschrieben „Vom Rand zur Mitte“. Die Forschungsgruppe hat etliche Korrelationen zwischen „Rand“ und „Mitte“ nachgewiesen. Es könnte also auch heißen: „Von der Mitte zum Rand.“
- Aktuelle Daten dazu unter: www.reachoutberlin.de oder www.opferfonds-cura.de [↩]
- Informationen dazu unter: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de und www.petra-pau.de [↩]
- Der Tagessiegel vom 17.10.06 [↩]
- Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2000, Die Zeit, 52/2000; Tino Bargel, Langzeitstudie, Universität Konstanz, 2001 [↩]
- Deutsche Zustände, Bielefeld, Herbst 2003 [↩]
- Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, Oliver Decker und Elmar Brähler unter Mitarbeit von Norman Geißler. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, 2006 [↩]


Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.



