Hohe Raucherwissenschaft

Montag, 30. Juni 2008 | Autor: peno

Eine Berliner Zeitung1 teilt neueste hochwissenschaftliche Erkenntnisse mit:

„Krebsforscher: Rauchverbote gut für die Gesundheit
Die Einschränkung des Rauchens in der Öffentlichkeit verringert die tabakbedingten Herzleiden … (na, so was! Wer hätte das zu denken gewagt?) Zudem gehe die Zahl der Raucher zurück und das Passivrauchen werde vermindert.“ (seit den jüngsten Ausgrabungen ahnte man diesen Zusammenhang ja schon.)

  1. Der Tagesspiegel vom 30.6.08 []

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Meinungshoheit – Meinungsrecht - Blogs

Mittwoch, 4. Juni 2008 | Autor: peno

Das Internet muss abgeschafft werden! So jedenfalls die Antwort aller, die ihre althergebrachten, selbst gebastelten Herrschaftsansprüche (bisweilen auch ihre ökonomischen Interessen) bedroht sehen, wie z. B. auch Martin Ganteföhr1.

Paul Sethe zählte in den 60er Jahren zum Kartell hiesiger Meinungsmacher ca. 200 eng miteinander vernetzte Journalisten. Diese Gruppe war zwar nie homogen, genoss aber einen Hauch sorgfältig gehüteter Exklusivität. Ein oligopolisierter Meinungsmarkt begünstigte die Wirkung dieses Meinungskartells.

fuller100.jpgSeit einigen Jahren hat das Meinungskartell Konkurrenz bekommen: Blogs. Zur „Vierten Gewalt“ der professionellen Medien ist die „Fünfte Gewalt“ der unprofessionellen Blogger getreten.

Blogs geben jedem und jeder die Möglichkeit, das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung öffentlich zu nutzen und sich weitgehend ungefiltert und unzensiert in den öffentlichen Diskurs einzuklinken. Mühselige, oft gescheiterte Versuche, über neue Zeitungen und Verlage eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, sind kaum noch nötig. Blogger sorgen dafür, dass die durch professionelle Medien veröffentlichte und gesteuerte Meinung nicht mehr einzig ist. Die meinungsherrschaftliche Domäne einiger Weniger wird mit der Möglichkeit aller, eine korrigierende, ergänzende, zustimmende oder auch widersprechende Meinung zu äußern, in Frage gestellt. Politische Prozesse zur allgemeinen Meinungsbildung, politische Aktionen können unabhängig vom professionellen Meinungskartell ausgelöst werden.

Diese Entwicklung wird von den professionellen Nutznießern bestehender Strukturen als Bedrohung empfunden. Ihre sorgsam gehegte und gepflegte Domäne droht zu zerbröseln. Man wehrt sich.

  • Journalisten wie insbesondere Henryk M. Broder2, Bernd Graff3, Joachim Huber4 kämpfen mit viel Schaum vor dem Mund und viel Luft in der Feder gegen die Blogs. Allerdings nur gegen die Blogs der ungebetenen Fremdlinge. Schließlich nutzen sie selbst zur Verbreitung ihrer einzigartigen Beiträge die Blog-Möglichkeit und lassen sich dafür – wie z.B. Broder - auch noch auspreisen.
  • Auch die Justiz wird bemüht. Der Bundesinnenminister wird mit seinen Maßnahmen nicht mehr lange auf sich warten lassen. In anderen Staaten (z.B. Russland, China, Ägypten) werden Informationsmöglichkeiten und Meinungsbildung via Internet bereits massiv behindert.
  • Immer mehr Zeitungsspalten werden den professionellen Schreibern für Kommentare und Kolumnen geöffnet. Wer auch immer Rang und Namen hat, darf als „Experte“ seine Sicht der Dinge öffentlich darstellen. Die Zeitung verschafft der privaten Meinung ihrer Profis Autorität.
  • Fast alle Zeitungen lassen ihre Meinungsmacher auch Blogs betreiben.
  • Die Zeitungen können an dem Recht ihrer Leserinnen und Leser, die veröffentlichten Nachrichten und Meinungen zu kommentieren, nicht mehr vorbei gehen. Die herkömmliche Leserbriefseite reicht nicht mehr. Es werden fast überall Diskussionsforen eingerichtet.
  • Das Meinungskartell der Printmedien wird ergänzt durch Talkshows. Kein Sender verzichtet darauf, seinen Profis und eingeladenen „Experten“ die Möglichkeit zu geben, in aller Öffentlichkeit meinungsbildende Akzente zu setzen, mögen diese auch noch so simpel, verworren oder einseitig sein. Namen, Titel oder Ämter garantieren dabei ebenso wenig Qualität wie in den Printmedien.

Tag für Tag wurde und wird über Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, TV oder Kino genau das verbreitet, was Kritiker bei Blogs ausmachen: Lug und Trug, Schund und Schmutz, Nichtigkeiten, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten!

„Wer in einen Bahnhofkiosk kommt, könnte schon eine Weile suchen müssen, bis er ahnt, dass es auch Zeitschriften gibt, die etwas anderes veröffentlichen als Fotos von sekundären Geschlechtsorganen, Märchen über Prominente und gesellschaftlich irrelevante Fachinformationen … Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden?“5

Viele Lügen, Fehleinschätzungen, falsche Analysen wurden folgewirksam verbreitet. Auch das gehört zur „Kakophonie des Wahnsinns“6, die Niggemeier in vielen Blogs erkennt. Die öffentliche Meinung wäre aber auch ohne die arroganten, oft unflätigen Auslassungen z.B. eines H. M. Broder oder eines D. Bohlen sicherlich nicht ärmer. Auch wenn die Beiden und ihre Fans das anders sehen dürfen.

Das z.Zt. in den Blogs noch immer erkennbare Chaos ist für den Umbruch ein verständliches, vielleicht sogar notwendiges Zeichen des Aufbegehrens: Jeder glaubt nun seine Message www verbreiten zu müssen. Auch seine privaten Gepflogenheiten, und seine spontanen Tages-/Nachtgefühle müssen selbstverständlich über www mitgeteilt werden. Orthografie, Grammatik, Ausdruck, Formatierungen sind für die meisten Blogger allenfalls bourgeoiser Schnickschnack und hemmen das dringende, spontane Bedürfnis, die Internet-Welt mit einem neuen Blog-Eintrag zu beglücken. Und dann die Quoten-Euphorie. Blogger messen den „Erfolg“ ihres Blogs an der Klick- und Kommentaranzahl. Geheimtipps werden weiter gegeben: Vernetzt euch! Hinterlasst überall eure Spuren (Kommentare)! Das ist zunächst verständlich. Auch das alte Meinungskartell konnte und kann seine Wirkung nur durch ein enges Netzwerk erreichen und erhalten. Dennoch: Ein großer Teil der heutigen Bloggerszene liefert den Gegnern der offenen, ungefilterten, unprofessionellen Meinungsäußerung keinen sinnvollen Dienst. Blogs, die ernst genommen werden wollen, dürfen nicht zum virtuellen Hyde-Park werden und sollten privaten Tratsch und Klatsch vermeiden.

Die neue Technologie bewirkt, dass die Meinung der Herrschenden nicht mehr unangefochten die herrschende Meinung bleibt. Je vernünftiger und intensiver das neue Medium genutzt wird, umso politisch wirksamer wird es werden. Auch im Sinne einer demokratischen Meinungsbildung. Auch in der Bundesrepublik Deutschland, in der die kritische Öffentlichkeit in immer stärkerem Maße beobachtet und kontrolliert wird. Die überhebliche Kritik einiger Profis der schreibenden Zunft wird die Blogger vielleicht etwas nachdenklicher machen, nicht aber aufhalten.

„Über 70 Jahre ist es her, dass Egon Erwin Kisch dem resoluten Medienkritiker Karl Kraus vorwarf, sich nur an der Vergangenheit zu orientieren. Kraus habe den ‘Federstiel gegenüber der Schreibmaschine’ gepriesen, ‘die Laterna magica gegenüber dem Kino’, und dabei übersehen, dass ein ganz anderes Zeitalter angebrochen war. Und er riet dazu, sich auf die Bedürfnisse der großen Massen einzustellen, ohne die Prinzipien der bürgerlichen Bildungstradition über Bord zu werfen. Eine Aufforderung, die aktueller denn je erscheint.“7

  1. Martin Ganteföhr, World Wide Wahn, in ZEIT ONLINE 24.6.08 []
  2. Das Internet macht doof, Der Tagesspiegel vom 9.1.07 []
  3. Die neuen Idiotae, SZ vom 8.12.07 []
  4. Lebst du schon oder surfst du noch? Der Tagesspiegel vom 23.12.07 []
  5. Stefan Niggemeier, Die Arroganz der Papierverfechter, taz vom 21.12.07 []
  6. a.a.O. []
  7. Leonard Novy, Die Alpha-Blogger, Der Tagesspiegel vom 19.5.08 []

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