75 Jahre danach - Ceterum censeo … (4)
Sonntag, 13. Januar 2008 | Autor: peno
Vor 75 Jahren begann die Nazi-Herrschaft:
- Konzentrationslager werden gebaut.
- Entrechtung, Verfolgungen beginnen.
- Bücherverbrennungen.
- Boykott-Aufrufe.
- Aufmärsche, Jubelveranstaltungen …
- Die bildungsbürgerlichen Bezirke Steglitz und Zehlendorf mit ihren Elitegymnasien galten als „Hochburg der Rechten“.
Eine Studie zur Mitverantwortung der Bildungseliten in den damaligen Berliner Gymnasien/Oberschulen fehlt noch immer. Es wäre zu prüfen, inwieweit für Berliner Gymnasien/Oberschulen verallgemeinert werden kann, was ein Steglitzer Schulleiter damals verkündet hat:
„Das Steglitzer Gymnasium ist nur ein kleiner Teil in dem großen Organismus völkischer Schaffenskraft …, aber es hat sich von niemand übertreffen lassen in seinem starken Willen zu vaterländischem Tun … Darum wird es sich auch in der neuen Zeit bewähren, weil es sich bewähren will.“1
Auch um die überwiegend unkritische, verharmlosende Darstellung der NS-Zeit in den Homepages der Berliner Gymnasien scheint sich der Berliner Schulsenator noch immer nicht kümmern zu wollen.
Andere Bereiche werden dagegen heute weit weniger tabuisiert:
- Die NS-Verstrickung Berliner Wissenschaftseinrichtungen ist inzwischen erarbeitet worden. Auch die Frage, wie diese Wissenschaftseinrichtungen heute ihre NS-Geschichte aufgearbeitet haben.
- Das Berliner Philharmonische Orchester hat jetzt seine Vergangenheit als „Reichsorchester“ untersuchen lassen.
- Biografien und Filmdokumentationen zeigen, dass die Scheu vor dem Blick in die NS-Verstrickung auch der eigenen Familien weitgehend überwunden ist.
- Bundesligavereine haben ihre braune Vergangenheit untersuchen und darstellen lassen.
- Großkonzerne haben der NS-Forschung ihre Archive zugänglich gemacht.
- Die Industriellenfamilie Quandt (BMW …) lässt jetzt ihre NS-Geschichte erarbeiten:
„Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte … noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen.“2
Das Bundesverkehrsministerium hat jetzt die NS-Geschichte seines Vorgängers, des Reichsverkehrsministeriums, erforschen lassen:
„Das Reichsverkehrsministerium war mit hunderten Erlassen an allen Schritten der Ausgrenzung und Vernichtung von Juden beteiligt, hat ein ein Forschungsgutachten im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums ergeben.“3
Ceterum censeo: „75 Jahre danach“ müssen gesellschaftliche Widerstände bei der Darstellung der NS-Vergangenheit der Berliner Gymnasien/Oberschulen überwunden werden. Auch das muss in die heutigen Aufklärungsprogramme gegen das ständige Vordringen rechtsextremer Tendenzen eingehen.
- Gymnasium Steglitz [↩]
- Der Tagesspiegel vom 6.10.07 [↩]
- Der Tagesspiegel vom 19.12.07 [↩]
Thema: Schule und Bildung | Beitrag kommentieren

„Das Steglitzer Gymnasium ist nur ein kleiner Teil in dem großen Organismus völkischer Schaffenskraft …, aber es hat sich von niemand übertreffen lassen in seinem starken Willen zu vaterländischem Tun … Darum wird es sich auch in der neuen Zeit bewähren, weil es sich bewähren will.“
Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.



