Entschuldigungstouren
Sonntag, 30. September 2007 | Autor: peno
Leistungsträger sind auf Publizität bedacht. Sie müssen im Geschäft bleiben. Affronts und Skandale, verbunden mit pflichtgemäß vorbereiteten Entschuldigungen, scheinen dabei geeignete Werbemittel zu sein. Sex- und Crime-Affären standen an der Spitze. Seit einiger Zeit werden aber auch historische Tabubrüche immer beliebter. Vorprogrammierte Entschuldigungen schmälern nur selten die Wirkung dieser Tabubrüche. Man weiß ja: Immer bleibt etwas hängen.
Every year the same procedure: Die Tour de France, die Tour der Leiden.
Neu: die Tour der Bekenntnisse, die Tour der Entschuldigungen.
Die Entschuldigungstouren ziehen immer mehr sportive Leistungsträger in ihren Strudel. Die Sportvermarktung gerät ins Straucheln.
- Clubfans lassen auf Sportplätzen rassistische Schimpfkanonaden los. Die Clubs müssen Entschuldigungsrunden drehen.
- Weidenfeller (Borussia Dortmund) nennt Asamoah (Schalke 04) „schwarzes Schwein“1. Weidenfeller entschuldigt sich.
Sportliche Leistungsträger sind wichtig. Wichtig sind auch kirchliche Leistungsträger:
- Benedikt Der Sechszehnte beleidigt Muslime. Die Empörung ist groß. Benedictus entschuldigt sich. Alles wieder ok.
Der Sechzehnte Benedikt diskriminiert auch christliche Religionsgemeinschaften. Die Gemeinschaften sind empört. Der Papst entschuldigt sich. War alles nicht so gemeint. Alles wieder gut. Pax vobiscum … - Bischof Mixa erklärt seinen Gläubigen in Deutschland die Familienpolitik und in Israel den Rassismus.2 Empörung. Der Bischof entschuldigt sich. Er fühlt sich missverstanden.
- Kardinal Meisner predigt anlässlich einer Museumseröffnung in Köln: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“3

- Die Empörung ist groß. Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckart (Die Grünen) verlangt radikal-feinfühlig, der Kardinal solle „diese Formulierung schnellstens zurücknehmen“. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland nennt Meisner einen „notorischen Brandstifter“. Der Kardinal löscht den sichtbar gewordenen Brand. Seine Eminenz entschuldigt sich. Seine Domherren weniger. Der Brand schwelt weiter, ansonsten aber Ruhe und Zufriedenheit. Mal wieder geklappt. Schließlich ist Meisner Träger des Grossen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband.Die rechtslastige Kirchenorganisation „Opus Dei“ kann weiterhin mit Stolz auf ihren Mitstreiter blicken. Pax vobiscum …
Sollte S. Freud mit seinem Diktum „Religiösität ist eine psychische Störung“ Recht gehabt haben? Oder jetzt Richard Dawkins: „Religion ist eine Geisteskrankheit“4? Unklar ist, ob sich Freud entschuldigt hat. Die Entschuldigung des Bestseller-Autors R. Dawkins steht noch aus.
Kirchliche Leistungsträger gibt es. Es gibt auch Leistungsträger der kulturellen Eliten.
- Eva Herman findet ihr Frauen- und Familienbild gut. Das ist ihr gutes Recht. Evas empfindsame, geschichtsträchtige Kritik, die 68er hätten ihre Bilder zerdeppert, obgleich diese Bilder doch schon im Nazi-Reich fest verankert gewesen seien – und letzteres könne doch gar nicht so schlecht gewesen sein – stößt hier und da auf Ablehnung. Sogar Empörung. Frau Herman korrigiert und muss auf Entschuldigungsttour.
- Christa Müller hegt und pflegt ihre Heimchen: Frau in der Küche, Sohnemann braucht ertüchtigende, männliche Standbilder … Empörung, wiederum breit und mächtig.Nun aber ein Tourenknick: Christa Müllers politische Heimat ist Oskar Lafontaine, der Chef der neuen Linkspartei. Frau Müller findet in den hochpolitisierten Weinanbaugebieten des Saarlands Unterstützung. Oskar – ansonsten sehr unnachsichtig – hat Christa die Entschuldigung erlassen. Familienfriede …
- Der Kabarettist und Reporter Manes Meckenstock macht sich über eine TV-Moderatorin lustig. Das mag im konkreten Einzelfall – mit Verlaub – nachvollziehbar sein. Nicht immer muss das – mit Verlaub - in die Entschuldigungstour führen. In diesem Fall aber doch: Meckenstock hatte öffentlich verlautbart: „Wenn ich [ ... ] sehe, bedaure ich, dass es die Nürnberger Rassengesetze nicht mehr gibt.“5 Meckenstock hat sich flugs entschuldigt. Bis zum nächsten entschuldigungspflichtigen Auftritt ist wieder alles ok.
Bürgermeister Deuse aus Mügeln meint: „Solche Parolen können jedem mal über die Lippen kommen.“
Ministerpräsident Böhmer aus Sachsen-Anhalt: Nun ja, das ist wohl etwas „frauenunfreundlich“.
Ministerpräsident Milbradt aus Sachsen wird wohl auch in Meckenstock ein armes Kampagnenopfer sehen.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein … fest steht gefügt die „Neue, Deutsche Leitkultur“, deren Durchsetzungsfähigkeit Jahr für Jahr erprobt wird, alsbald auch ohne Entschuldigungsrituale.
Vielleicht sind die Tabubrecher ja auch verdeckte Mitarbeiter, die vom Bundesinnenministerium im Kampf gegen Rechts eingesetzt werden, etwa um spektakuläre Auftritte der NPD-Funktionäre überflüssig zu machen. Lieb Vaterland, kannst ruhig sein …
Next year the same procedure …
Entschuldigung!
- Weidenfeller [↩]
- Bischof Mixa [↩]
- Kardinal Meisner [↩]
- Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin, 2007 [↩]
- Manes Meckenstock [↩]
Thema: Schlaglichter | 2 Kommentare

SPD unter K. Beck und DIE LINKE unter O. Lafontaine bekennen sich zum Sozialismus – in der jeweils politisch brauchbaren Fassung. Beide Parteien wollen den politisch und ideengeschichtlich besetzten Leitbegriff in ihre Grundsatzprogramme montieren.
Eine solche Studie könnte die zuvor genannte Untersuchung ergänzen und zeigen, in welch erheblichem Maße das Bildungsbürgertum zu Entstehung und Entwicklung des NS-Systems beigetragen hat. Es wäre in einer solchen Studie z.B. zu prüfen, inwieweit für Berliner Gymnasien/Oberschulen verallgemeinert werden kann, was Fritz Sommer, der Leiter des damaligen Gymnasium Steglitz, 1936 verkündet hat:
Beobachtungen zu Politik und Gesellschaft - kommentiert, glossiert und zur Diskussion gestellt.



