Um Begriffe und mit Begriffen lässt sich bekanntlich trefflich streiten. „Sozialismus“ ist ein solcher Begriff.
„Freiheit nicht nur mit, sondern durch den Sozialismus“:
Diese von Oskar Lafontaine ausgegebene Parole konnte allenfalls die Funktionäre des Gründungsparteitags begeistern.
- Sozialismus gab es in Europa als Leninismus, Trotzkismus, Stalinismus; Sozialismus in der UDSSR, in der DDR und allen anderen Ostblockstaaten. Sozialismus wurde nach 1945 in einzelnen Weststaaten als „Demokratischer Sozialismus“ ausgerufen.
- Es gab und gibt in Europa kein Beispiel für die Realisierung eines Sozialismus auf demokratischer Grundlage. Der Sozialismus hat in Europa (und nur darum geht es hier) nie und nirgends seine theoretischen Vorgaben auch nur ansatzweise verwirklichen können. Nicht ökonomisch, nicht soziologisch, nicht menschenrechtlich. Das ist zwar auch, aber nicht ausschließlich auf seine reaktionären Kampfgegner zurückzuführen.
- Der Sozialismus hat sich in Europa als politische Handlungsperspektive für lange Zeit desavouiert bzw. ist desavouiert worden.
- „Sozialistisch“ und „links“ können daher in einer politisch agierenden Partei heute wohl nur noch von Altsozialisten aus Ost und West als Synonyme gedacht werden.
- Der jetzige Altersdurchschnitt der Parteimitglieder soll bei 62 Jahren liegen! Personell und ideologisch dominieren noch immer die „sozialistischen Restbestände“. Bei vielen Mandatsträgern kursieren noch immer ostalgische Vorstellungen eines „real existierenden Sozialismus“ - mit welchen Formulierungen auch immer dies in der Öffentlichkeit kaschiert wird. Das muss sich ändern, schnell und überzeugend. Der jüngeren Generation sollte schon jetzt die Möglichkeit gegeben werden, sich in der Partei mit neuen Denkansätzen durchzusetzen. Sonst besteht wenig Hoffnung. Und das wäre bedauerlich.
In Deutschland gibt es viele Gründe für die Notwendigkeit einer dezidiert linken Partei. Globalisierung, Entwicklungsländer, Neoliberalismus, Militäreinsätze/Waffenhandel, Missachtung der Menschenrechte, soziale Ungerechtigkeit/Ungleichheit, Innere Sicherheit, Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte, Neue Leitkultur, Ökologie … sind wichtige Punkte, die das Programm einer Linkspartei füllen und damit konsequente Handlungsorientierungen bieten können.
Die zunehmende Indifferenz der anderen Parlamentsparteien, insbesondere der ”Jamaika-Trend” der Grünen, verstärkt die Legitimität einer neuen Linkspartei.
Eine „sozialistische Perspektive“ ist für eine Linkspartei - zumindest im Anfangsstadium - nicht nötig, heute sogar eher Etikettenschwindel und schädlich.
Ob sich in ferner Zukunft in einem vereinten Europa ein europäischer Sozialismus für eine europäische Linke entwickeln kann, bleibt der fernen Zukunft überlassen. Ein deutscher Sozialismus ist obsolet geworden. Ostalgische Befindlichkeiten und westliche DKP-Relikte dürfen Programmatik und politisches Handeln der neuen Linkspartei nicht bestimmen. Verzicht auf Sozialismus-Gespenster muss nicht Verzicht auf linke Identität bedeuten! Linke Identität könnte mit einem solchen Verzicht sogar gestärkt werden.
Wenn DIE LINKE den „Demokratischen Sozialismus“ ausruft und zeitgleich die Programmkommission der SPD den „DemokratischenSozialismus“ für ihr neues Parteiprogramm reklamiert, so lässt sich das nur noch als historische Reminiszenz erklären. Das heutige Verständnis des Begriffs als politische Kategorie zur Unterscheidung der beiden Parteien wird kaum noch möglich. Schließlich handelt es sich bei diesen Parteien um zwei sich scharf befehdende Parteien. Zwei Parteien, die als Konkurrenzparteien mit derselben Etikettierung - „Demokratischer Sozialismus“ - gegeneinander antreten? Das ist ein Problem. Der SPD ist ein historisch begründeter Anspruch auf die Verwendung des Begriffs nicht streitig zu machen – unabhängig davon, wie diese Partei heute handelt.
Für DIE LINKE ist noch unklar, in welcher Tradition sie sich sieht und gesehen werden will. Sie sollte im 21. Jht. für ihr Programm neue Leitbegriffe finden können. Leitbegriffe, die historisch weniger belastet sind und DIE LINKE eindeutig identifizierbar machen. Etikettenschwindel fliegt schnell auf.
Wenn die Formulierung „Demokratischer Sozialismus“ nicht in Abgrenzung zu vergangenen Zeiten mit neuen, für eine Linkspartei im 21. Jahrhundert vertretbaren Inhalten gefüllt wird, kann schnell der Verdacht entstehen: Muffiger Wein in neuen Schläuchen. Auch dadurch könnten Sympathieverluste, d.h. auch Prozentverluste entstehen.
Ob mit, ob ohne Sozialismus: Heftige Flügelkämpfe sind auch in einer Linkspartei immer vorprogrammiert. Ein Sozialismus, der die bürgerlichen Freiheitsrechte nicht bestmöglich verteidigt, dürfte in Europa auch weiterhin keine Zunkuftschancen haben.
Kritische Skepsis ist nötig. Aggressive Hysterie ist Sache jetziger oder zukünftiger Jamaika-Shirts.
Eine konsequent handelnde, stabile DIE LINKE mit ca. 10 bis 12% ist für Deutschland ein enormer, wünschenswerter Erfolg.
CDU/CSU haben sich 1945 als Volksparteien gegründet. Die alte Klassenpartei SPD folgte dieser Entscheidung 1958 mit dem Godesberger Programm. Die Grünen sind seit wenigen Jahren dabei, programmatische Ziele nach und nach aufzugeben bzw. dem Zeitgeist anzupassen.
Im Unterschied dazu könnte die neue Linkspartei als eindeutig und klar profilierte Programmpartei für sich eine Chance sehen.
Eine linke Programmpartei stellt aber insbesondere an ihre Mandatsträger höhere, dem Programm entsprechende Ansprüche. Auch in Sachen der z.Zt. wieder viel diskutierten Nebeneinkünfte. Zusatzeinkommen, die bei Funktionären der anderen Parteien als „Peanuts“ gelten, sind bei Vertretern einer oppositionellen Linkspartei kritischer zu bewerten. Das gilt auch für die Herkunft dieser Zusatzeinkommen. Wenn Spitzenpolitiker der Linkspartei (Lafontaine, Gysi) Bildzeitung oder Superillu als Foren nutzen und damit nicht unerhebliche Nebeneinkünfte erzielen, so wird man sich in linksparteilichen Kreisen nicht ernsthaft darüber aufregen können, dass die „Junge Freiheit“ z.B. auch von Egon Bahr (SPD) bedient wurde.
Je früher und konsequenter aus der Gründungsphase abzuleitende Angriffsflächen beseitigt werden können, umso größer die Zukunftsaussichten der neuen Linkspartei.
DIE LINKE ohne Oskar Lafontaine als Leitfigur, ohne Ostalgie-Muff, ohne Sozialismus-Embleme würde einige zu offenkundige Angriffsflächen mindern und wäre politisch vermutlich zukunftsträchtiger. Immerhin wird auf den Basis- und Führungsebenen der Partei heute auch zunehmend das “Sozialismus-Konzept” kritisch unter die Lupe genommen.
Die „Expropriation der Expropriateure“ ist zwar von Karl Marx im 19. Jht. gefordert worden, kann aber auch heute noch in einer Zivilgesellschaft als mehrfach zu deutender Leitsatz für eine Linkspartei gelten …
Karl Marx hätte heute anders formuliert. Vermutlich hätte Marx in seine Überlegungen die ca. 150-jährige Geschichte europäischer Sozialismen einbezogen. Aber auch dann hätte er zukunftsbezogene Utopien entwickelt und präzise, unmissverständlich ausformuliert. Mit gutem Recht. Marx war weder Populist noch Demagoge!